27.06.2025 10:02
«Ein Museum soll leben»
Das historische Museum Bischofszell feiert dieses Wochenende sein 100-jähriges Bestehen. An den Festlichkeiten zum runden Jubiläum soll nun genau das in den Mittelpunkt gestellt werden, was ein gutes Museum ausmache, erklärt Christa Liechti, Präsidentin der Museumsgesellschaft: «Ein Museum soll leben. Darum muss es auch für Familien interessant sein.»
Bischofszell Und wie macht man ein Museum auch für Eltern und ihre Kinder zu einem spannenden Erlebnis? Darauf hat Christa Liechti nicht nur während der Vorbereitungsarbeiten auf das Jubiläumsfest eine Antwort gefunden: «Wir versuchen, Geschichte wieder erlebbar zu machen. Ein Museum ist nämlich viel mehr als tote Gegenstände und verstaubte Materie.» Für Eltern heisse dies am Fest einen Blick hinter die Kulissen werfen zu dürfen und für Kinder eine Rätseltour mit krönendem Abschluss zu machen.
Wer nur das moderne Bischofszell, nicht aber das historische kennt, der wird beim ersten Besuch überrascht sein, welche Dimensionen das Museum des kleinen Städtchens hat. Denn zwei Hausnummern allein – Marktgasse 4 und 6 – lassen einem nicht so viel Räume und Raum erwarten, wie das Museum tatsächlich zu bieten hat. Denn nicht nur jeweils vier Etagen, ein Keller und zwei Stockwerke Estrich sind vollgepackt mit historischen Artefakten, sondern auch die Häuser selbst, die Mitte des 18. Jahrhunderts nach dem letzten Stadtbrand erbaut wurden, sind Ausstellungsobjekte für sich. «Das Haus Laager war eine Schenkung an die Stadt Bischofszell im Jahr 1968 mit der Auflage, aus dem Gebäude ein Museum zu machen. Das Haus Munz und die 'Schniderbudig' wurden 1984 ebenfalls von Viktor Laager geschenkt, nur dieses Mal an die Museumsgesellschaft», erklärt Christa Liechti. Der Familie Laager sei es darum zu verdanken, dass es das Museum in seiner heutigen Form überhaupt gibt. «Viktor Laager war eine prägende Gestalt. Ohne ihn wäre ein Museum, wie wir es jetzt betreiben, überhaupt nicht möglich gewesen», erklärt die Präsidentin der Museumsgesellschaft.
Viel Nostalgie im Städtchen
Dass nicht nur das Museum selbst riesig ist, sondern auch die Sammlung an historischen Artefakten eine gewaltige Dimension hat, liege jedoch an einem anderen Umstand, weiss Christa Liechti: «Bischofszell hatte immer viel Bedeutung in der Vergangenheit. Wir waren noch nie so bedeutungslos wie heute.» Dieser speziellen religiösen und weltlichen Stellung in der Vergangenheit sei es zu verdanken, dass man heute über Zehntausende von Zeitzeugnissen verfüge, die für manch eine Sonderausstellung reichen würden. Ein Grossteil der Sammlung sei bereits inventarisiert, beim systematischen Durcharbeiten der vielen Objekte stosse man aber immer wieder auf Überraschendes.
Das Museum gehe auch mit der Zeit und sei darum gerade daran, das ganze Inventar mit Fotos digital zu dokumentieren. Bei dieser zeitintensiven Aufgabe könne man sich jedoch wie bei eigentlich allen Tätigkeiten auf die Hilfe eines tollen Teams verlassen: «Es ist wunderschön, welche Begeisterung für Geschichte die vielen Freiwilligen, der Vorstand und Kuratorin Corina Tresch mitbringen. Darum hoffe ich, dass sich immer wieder Neue mit dem 'Virus' anstecken werden und wir das Ganze nochmals 100 Jahre weiterführen können.»
Klein angefangen
Obwohl das Historische Museum Bischofszell heute kein normales Ortsmuseum, sondern aufgrund seiner Grösse und Organisation eher ein regionales Museum ist, habe alles sehr bescheiden angefangen. Zuerst sei das ganze Museum in einem Zimmerli im ehemaligen Bürgerspital, dem heutigen Bürgerhof, untergebracht gewesen, bevor es dann für eine Weile im Schloss weitergeführt wurde. «Das Startkapital betrug gerade einmal 200 Franken und kam von der Bürgergemeinde», erzählt Christa Liechti.
Und das Thema «klamme Finanzen» lasse sich eigentlich durch das ganze Jahrhundert des Bestehens rückverfolgen. Es sei jedoch niemals ein Grund gewesen, nicht das Beste aus den gegebenen Möglichkeiten zu machen: «Darum heisst der Titel unserer Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum auch 'Grosses Engagement – viel Idealismus – klamme Finanzen'. Denn es hat sich gezeigt, dass man auch mit kleinen Schritten etwas erreichen kann.»
So sei es bei ihr die Weihnachtsausstellung mit Gegenständen aus der Sammlung von Alfred Dünnenberger gewesen, die ihr «den Ärmel reingezogen» und ihr die Motivation für ihr jetziges Engagement als Präsidentin der Museumsgesellschaft gegeben habe. Sie habe darum auch einen Kurs in Frauenfeld besucht, um die Sütterlinschrift zu lernen, auf die sie immer wieder gestossen sei. «Heute gibt es schon eine App, die die alte Handschrift übersetzt», schiebt eine der freiwilligen Helferinnen ein, die gerade am Inventarisieren und Digitalisieren des Bestandes sind. Und plötzlich wird irgendwie der Bogen zu dem Bischofszeller Doktor gezogen, der einst federführend im Thurgau bei der Impfung gegen die Pocken war. Wie genau diese Geschichte sich damals abspielte, wisse sie zwar nicht mehr, doch sie schaue gleich einmal im Computer nach. Dann war einige Minuten nichts mehr von der helfenden Hand zu hören, bis sie wieder ein Lebenszeichen von sich gab: «Das ist ja alles so spannend, was hier über Doktor Scherb steht. Da möchte man gar nicht mehr aufhören zu lesen.»
Neugier erwünscht
Während in vielen Museen Gegenstände nur hinter Glasvitrinen bestaunt werden können, geht das Historische Museum Bischofszell in einigen Räumen einen komplett anderen Weg. «Hier in der Apotheke soll man neugierig sein. Denn in einigen der vielen Schubladen des Apothekerschranks warten Überraschungen auf die Besucher», erklärt Christa Liechti. Und gerne würde sie auch etwas mehr Neugier bei der Lehrerschaft in der Region kreieren, denn man sei jederzeit und gerne bereit, eine Geschichtslektion der besonderen Art im Museum zu unterstützen oder abzuhalten: «Darum müssen wir noch Werbung machen, dass künftig mehr Schulklassen zu uns zu Besuch kommen.»
Dies wird dieses Wochenende garantiert gelingen. Denn ein spannendes und abwechslungsreiches Programm wartet auf alle Gäste und wird Leben dort einziehen lassen, wo es nur wenige erwarten. «Wir sind nicht nur ein Wissensspeicher, der historisch Wichtiges sammelt, sondern wir sehen unsere Aufgabe auch darin, dieses Wissen zu vermitteln. Und dies gelingt am besten, wenn ein Museum lebt», meint Christa Liechti.
www.museum-bischofszell.ch
Von David A. Giger