26.03.2026 07:41
«Hauptsache, es wird gespielt»
Am vergangenen Wochenende fand die vierte Auflage des Spielfestivals Roggspiel statt. An zwei Tagen wurde in der Turnhalle Roggwil für einmal nicht nur in aufrechter Haltung, sondern auch sitzend gespielt. Denn die Roggspiel soll ein Anlass sein, an dem jede und jeder auf irgendeine Weise sein Spiel-Gen wiederentdecken kann.
Roggwil Kaum hat man das Areal der Roggspiel betreten, breitet sich auch schon ein gutes Gefühl in einem aus. Die Stimmung im Vorraum der Turnhalle in Roggwil ist gelassen, an mehreren Tischen wird gespielt und man blickt in viele strahlende Gesichter. Und es liegt ein süsslicher Duft in der Luft, der schnell als Hauptverantwortlicher für das unmittelbare Wohlfühlerlebnis ausgemacht ist. «Das ist natürlich Taktik. Pop Corn und Waffeln haben eine magische Wirkung», sagt Patrick Inauen mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.
Ob der Erfinder und Organisator der Roggspiel tatsächlich solche taktischen Überlegungen vor der Zusammenstellung des Angebots des Verpflegungsstandes getätigt hat, darf bezweifelt werden. Es sei denn, dass die Roggspiel nicht nur das Spiel zelebriert, sondern sie selbst eines ist. Eines, dessen Ziel es ist, so viele Menschen wie möglich zum Spielen zu animieren. «Das Spiel-Gen hat jeder in uns drin. Wenn du es schaffst, jemanden abzuholen, dann ist jede und jeder begeisterungsfähig», sagtPatrick Inauen.
Spielende Freaks
Sobald dann die Turnhalle betreten wird und man beginnt, die angebotenen Spiele in Augenschein zu nehmen, wird einem schnell klar, dass man sich in einer anderen Welt, einem anderen Universum befindet. Überall wird irgendetwas gespielt. In einer Ecke reiten Mädchen beim Hobby Horsing mit Steckenpferden über Hindernisse, gleich gegenüber versucht sich ein Knabe beim Harassenklettern und an vielen Tischen werden in kleinen Gruppen Spiele in allen erdenklichen Formen, Farben und Grössen gespielt. «Ich habe noch kein Kind weinen gehört. Alle sind am Spielen und haben Spass», meint Patrick Inauen am Sonntagnachmittag, als sich die vierte Auflage der Roggspiel bereits ihrem Ende zuneigte. Und diese friedliche Stimmung würde oft noch etwas länger anhalten, ist der Organisator von Roggspiel überzeugt: «Viele Eltern sind am Abend dann auch dankbar, wenn ihre Kinder todmüde, aber glücklich ins Bett fallen.»
Doch die positive Wirkung von intensivem Spielen seien nicht nur beim Zubettgehen feststellbar. Zumindest für Patrick Inauen reicht die Wirkung noch viel weiter: «Ein gutes Spiel zu spielen, erfüllt mich. Man lernt gute Leute kennen und hat gemeinsam Spass.» Und gerade dieses angewiesen sein auf Mitspieler sei das Wichtigste beim Spielen überhaupt: «Wenn man zusammen spielt, dann muss man miteinander reden und sich austauschen. Darum spielt es keine Rolle, was man spielt - Hauptsache, es wird gespielt.»
Die Leidenschaft fürs Spielen geht bei Patrick Inauen so weit, dass er sich selbst als Freak bezeichnet: «Ich bin ein Spiel-Freak. Spiele sind ein wichtiger Bestandteil meines Lebens.» Nebst einem gewöhnlichen Job bei Coop habe er nicht nur eine Firma, die Spiele-Workshops und Events anbiete, sondern auch einen eigenen Spiele-Online-Shop. Durch diesen sei er immer auf dem neusten Stand, was sich in der Welt der Spiele abspiele. Und der Markt sei momentan total überschwemmt, meint Patrick Inauen: «Jedes Jahr gibt es schätzungsweise 2000 bis 3000 neue Spiele. Rund zehn Prozent davon nehme ich in meinen Online-Shop auf.»
Ein eigenes Universum
Und diese Fülle an Spielen ist auch an der Roggspiel offensichtlich. Denn die grosse Vielfalt ist wohl das grösste, wenn nicht sogar einzige Hindernis, das jemanden vom Spielen abhalten kann. Die Auswahl an verschiedenen Brett- und Kartenspielen ist so gewaltig, dass es gar nicht einfach ist, einen Einstieg in die Welt der Spiele zu finden und sich darin zurechtzufinden. Es sei auch schwierig, allgemeine Tipps zu geben, da Spielen immer auch eine Frage des Geschmacks sei. «Auf was habe ich Lust? Und wie sieht die Gruppe aus? – diese Fragen sind entscheidend bei der Wahl eines Spiels», erklärt der Spielexperte. Denn je nach Spielpublikum empfehle sich leichte oder schwere Kost, die entweder nur für eine Weile unterhalten soll oder die einem stundenlang fordere. Er selbst bevorzuge meistens das Letztere: «Ich möchte mich in einem Spiel verlieren, die Zeit und das Rundherum vergessen. Darum muss das Spiel ein Thema haben und nicht abstrakt sein.»
Dass die Welt der Spiele eine ganz eigene Welt ist, zeigt sich auch anhand des Einflusses, den Corona auf sie hatte. Denn während viele unter den Einschränkungen gelitten hätten, habe die Spielebranche in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt, erklärt Patrick Inauen: «Corona war fürs Spielen ein Segen. Durch den Lockdown haben viele Menschen wieder gelernt, miteinander zu spielen.»
Siegen ist wichtig, aber nicht alles
Es gäbe noch so viel zu erzählen über die Roggspiel und die verschiedenen Spiele, die angeboten wurden und gespielt werden konnten. Doch über Spielen zu schreiben ist nicht das Gleiche, wie Spiele zu spielen. Denn das Wunderbare am Spielen ist, dass es Unterhaltung, Spass und Sozialisieren miteinander vereint. Wer spielt, ist glücklich. Zumindest meistens und wenn er nicht ständig verliert. Denn das Gewinnen ist ein essentieller Bestandteil des Spielens – davon ist auch Patrick Inauen überzeugt: «Das Spielziel ist immer gewinnen. Denn es gibt nichts Langweiligeres, als gegen jemanden zu spielen, der gleichgültig und uninteressiert ist.» Doch es sei auch wichtig, dass man nicht um jeden Preis gewinnen wolle: «Denn Betrügen ist ein absolutes No-Go beim Spielen.»
Wer sich an diese grundlegenden Regeln des Spielens haltet, der kann sich mit Sicherheit für irgendein Spiel begeistern. Und wer einmal die ganze Palette an verschiedenen Spielen sehen will, dem sei ein Besuch an der Roggspiel im nächsten Jahr wärmstens empfohlen. Dann wird die Roggspiel wohl noch eine Nummer grösser sein, denn mit jedem Jahr sei man etwas gewachsen. Mittlerweile habe man rund 500 Besucherinnen und Besucher über die zwei Tage gehabt. Und um diesen ein einmaliges Spielerlebnis zu bieten, seien rund 40 Helferinnen und Helfer im Einsatz gewesen. Doch für das Team der Roggspiel sei dies nebensächlich – denn wie bei einem Spiel gehe es vor allem um eines, sagt Patrick Inauen: «Was zählt, ist nicht die Anzahl der Besucher, sondern die Qualität des Erlebnisses. Und diese stimmt, was Lohn für all unsere Arbeit ist.»
www.spielemotion.ch
Von David A. Giger