13.05.2026 20:20
«KulTisch» für einmal politisch
Am Freitag, 8. Mai, wagte der Verein kulTisch ein kleines Experiment: Anstatt wie gewohnt Kleinkunst aus der Region ins Rampenlicht zu stellen, gehörte die Bühne im Lokal in der Bischofszeller Altstadt für einmal einem politischen Thema. Obwohl sich Pascal Nufer mit dem fernen China befasste, blieb die Regionalität durch seine Kradolfer Wurzeln gewährleistet.
Bischofszell Es sei schon eine Weile her, dass der Verein kulTisch einem politischen Thema die eigene Bühne anbot, meinte Peter Frei zur Veranstaltung, die am Freitagabend auf dem Programm stand. Denn normalerweise seien es Künstlerinnen und Künstler aus der Region, die bei kulTisch ihre Auftritte hätten: «Im Jahr 2007 wurden die Räumlichkeiten umgebaut und seither bieten wir Kleinkunst eine Bühne. Am Anfang waren es vor allem Filmvorführungen, dann kamen immer mehr Konzerte und andere Kulturvorführungen dazu.»
Verein für jede Art von Kultur
Mittlerweile bestehe der Verein aus einem siebenköpfigen Vorstand und aus rund 150 Mitgliedern. Jede und jeder könne beim Verein mitmachen, denn einzige Voraussetzung sei das Zahlen eines kleinen jährlichen Mitgliederbeitrags. Und die Teilnahme sei nicht nur passiv, sondern auch aktiv möglich, so der Vereinspräsident: «Wenn jemand eine Idee hat, dann kann sie hier verwirklicht werden. Er muss nur bereit sein, Mitverantwortung zu tragen.»
Doch das Zuhause von kulTisch an der Marktgasse 5 ist viel mehr als nur Vereinslokal und darum nicht mehr wegzudenken aus der Bischofszeller Kulturlandschaft. Denn nebst dem «Teffpunkt zuTisch» mit dem «Bistro Pica-Pau» ist es seit einigen Jahren von Montag bis Donnerstag auch die Heimat von verschiedenen Tanzklassen der Musikschule: «Meine verstorbene Frau Katharina war begeisterte Tänzerin und selbst Tanzlehrerin. Wegen ihr gibt es jetzt diesen Tanzraum, der bestens für die Bedürfnisse des Kindertanz-Angebots ist und darum rege genutzt wird.» Zudem werde das Lokal, das nebst 50 Sitzplätzen auch eine Hobbyküche habe, auch häufig als Eventlokal an lokale Vereine oder Private vermietet, erzählt Peter Frei. Und vor seiner Pensionierung habe er als Schulsozialarbeiter der Oberstufe Bischofszell auch eine Zeit lang einmal in der Woche zusammen mit Jugendlichen dort gekocht: «Der Raum ist ideal für ganz viele Aktivitäten in einer kleinen Gruppe.»
Faszination China
Ob es am Thema des Vortrags oder am Referenten lag, sei dahingestellt. Auf jeden Fall zahlte sich das Experiment mit dem Ausflug in die Politwelt aus. Denn selbst an den hintersten Tischen sassen am Freitagabend Interessierte, die Pascal Nufers Insider-Vortrag über China zuhören wollten. Und der gebürtige Kradolfer machte gleich zu Anfang klar, dass er viel über China wisse, aber dennoch nichts wisse: «Wenn man von China redet, dann meint man vor allem Peking. Die 1,4 Milliarden Menschen, die dort leben, gehen häufig vergessen.» So hätten Chinesen, die an der Grenze zu Laos leben würden, ein ganz anderes Lebensgefühl wie jene aus der Wüste Gobi. Um diese Unterschiede zu veranschaulichen, wurde die Karte Chinas über jene Europas auf die Leinwand projiziert, was eindrücklich die Grösse des Landes aufzeigte.
Dann kam der ehemalige SRF-China-Korrespondent auf Xi Jinping zu sprechen, der Chinas heutiges Gesicht so geprägt habe wie kein anderer: «Man merkte sehr schnell, dass dieser Mann gekommen ist, um zu bleiben.» Er habe nicht nur die Amtszeitbegrenzung der kommunistischen Partei aufgehoben, sondern habe auch so viel Macht angehäuft wie seit Mao keiner mehr. Darum gebe es heute einen Personenkult um den Mann, der hinter verschlossenen Türen «The Chairman of Everything» genannt wird: «Heute hängt in vielen chinesischen Wohnzimmern ein Porträt von Xi Jinping neben jenem von Mao.» Doch Xi Jinpings Einfluss reiche noch viel weiter, denn habe er China zurück auf die Weltbühne gebracht und Anspruch auf den asien-pazifischen Raum erhoben, meinte Pascal Nufer: «Und mit ihm hat China den Beweis erbracht, dass man auch mit einem anderen System reich und eine Weltmacht werden kann.»
Pascal Nufer sprach in seinem Vortrag, der halb Lesung und halb Referat war, auch das Thema Zensur an. Denn die «digitale Peitsche» der chinesischen Regierung sei nicht nur online und in allen chinesischen Apps zu spüren gewesen, sondern habe auch immer mehr seine journalistische Tätigkeit beeinflusst: «Zuerst wollten uns plötzlich die Professoren nicht mehr treffen. Und dann wurde es immer schwieriger, überhaupt Menschen zu finden, die mit uns sprechen wollten.» Es sei schliesslich so weit gekommen, dass er froh über die Zeit-Guillotine gewesen sei, die häufig Medienschaffenden wie Diplomaten auferlegt werde: «Man wird zynisch. Und das ist das Schlimmste, das einem Journalisten passieren kann.»
Wer mehr über ein faszinierendes und weltbestimmendes Land und die von einem «Unsrigen» dort gemachten Erfahrungen wissen will, dem sei Pascal Nufers Buch «Faszination China» empfohlen. Obwohl die Faszination für das riesige und weit entfernte Land auch am Vortragsabend stets zu spüren war, scheint Pascal Nufer auch den Besuch in seiner Heimat genossen zu haben: «Heute, mit fünf Jahren Abstand, schaue ich gerne auf diese Zeit zurück, denn ich durfte viel mitnehmen. Aber ich bin auch froh, dass ich jetzt wieder hier bin.»
www.zutisch-bischofszell.ch
www.pascalnufer.ch
Von David A. Giger