04.06.2026 07:51
Kulturpreis für «Völkerverständiger»
Am Wochenende waren in Schweizersholz wieder Musik und Feiern unter freiem Himmel angesagt. Seit über 50 Jahren sorgt nämlich im Mai das Open Air Bischofszell für ein Erlebnis, das Kultur und Gemeinschaft auf besondere Weise miteinander verbindet. Nun wurde dieser Beitrag zur Völkerverständigung von einer Seite gewürdigt, die selbst für die Organisatoren überraschend war.
Schweizersholz Sie habe bis vor Kurzem nicht einmal gewusst, was genau der Rotary Club eigentlich mache, erklärt Nadine Keller kurz vor dem Empfang des diesjährigen Kulturpreises ebendieser Organisation.
Die Freude der Präsidentin des Open Airs Bischofszell über den Zustupf von 7500 Franken in die Vereinskasse war aber wohl gerade darum extra gross: «Es ist schon speziell, wenn du solch grosszügige Unterstützung von einer Seite erhältst, von der du es niemals erwartet hättest.»
Obwohl es im ersten Moment etwas schwierig scheint, einen gemeinsamen Nenner zwischen Rotary Club Oberthurgau und Open Air Bischofszell zu finden, meisterte Rotary-Präsident Thomas Mathis diese Aufgabe mit Leichtigkeit. Denn nachdem er während einer Konzertpause den Festivalbesuchern den «Rotary Club» kurz vorgestellt hatte, brachte er die Kernbotschaft des Vereins auf den Punkt und «baute» so die Brücke zwischen den zwei unterschiedlichen Organisationen: «Wir sind grundsätzlich einfach ein Verein, der versucht, die Welt etwas besser zu machen.»
Offen für alle und fast alles
Genau dies trifft auch auf den Verein Open Air Bischofszell zu. Denn das durch Woodstock inspirierte Musikfestival, das 1972 zum ersten Mal ausgetragen wurde und somit das älteste Open Air der Schweiz ist, hat in seine DNA «klein, fein und unkommerziell» geschrieben, erklärt Kurt Keller: «Uns war es immer schon wichtig, das Open Air ohne Kommerz zu machen. Darum haben wir bis heute keine Sponsoren auf den Plakaten». Der Bischofszeller gehört durch sein Engagement bei über 45 Open Airs nicht nur zu den Urgesteinen des Festivals, sondern ist als Vater der Präsidentin auch mitverantwortlich für deren unermüdlichen Einsatz. «Ich bin schon seit meiner Geburt dabei», sagt Nadine Keller darum auch, als sie die Delegation des Rotary Clubs Oberthurgau über das Festivalgelände in Schweizersholz führt.
Auch heute noch sei es eine Besonderheit, dass am Open Air Bischofszell ganze Familien teilnehmen würden, also Alt und Jung gemeinsam auf dem Platz sind. Und damit bei einer solchen Vielfalt an Generationen trotzdem harmonische Verhältnisse herrschen, habe man nicht nur sehr günstige Preise und ein breites Musikprogramm, sondern sei auch sonst sehr rücksichtsvoll: «Wir sind nicht so strikt und kompliziert wie andere Veranstalter. Bei uns kann jede und jeder ein bisschen machen, was er will.» So dürfe man zum Beispiel eigene Feuerstellen bauen – und dies, obwohl im Zentrum des Festivalgeländes ein riesiger Funken brennt, für den über 30 Kubik Holz herantransportiert wurden.
Dass das Open Air Bischofszell sich weit über die Region hinaus einen Namen gemacht hat und die friedliche und gesellige Atmosphäre für viele Gäste ein fixer, wetterunabhängiger Termin im Jahreskalender geworden ist, liegt an den rund vierzig Vereinsmitgliedern und nochmals ebenso vielen Helferinnen und Helfern. «Wir arbeiten hier alle gratis. Helfer erhalten für vier Stunden Arbeit den Eintritt und für jede weitere Stunde Arbeit einen Verpflegungsgutschein für zehn Franken», erklärt Nadine Keller. Obwohl man gut aufgestellt sei, würde man sich immer über neue Gesichter freuen, denn altere auch ihr Verein wie viele andere: «Dafür haben wir viele alte Hasen, die anpacken können und wissen, wie der Laden läuft.»
«Sie ist ein Highlight», meint Fredi dazu. Der 71-jährige ist auch schon lange im Verein und auch selbst kein Unbekannter auf dem Festivalgelände. Doch heute ist er für einmal ohne sein Markenzeichen unterwegs. Denn am Vortag habe er bei einer Arbeit den Gürtel seines Schottenrocks beschädigt.
Beitrag zur Völkerverständigung
Der Rotary Club Oberthurgau vergibt den Kulturpreis jedes Jahr an eine oder mehrere regionale Organisationen, die im Kulturbereich tätig sind. Bestimmt werden die Gewinner jeweils von der clubinternen Kulturkommission, die aus den von Vereinsmitgliedern eingegebenen Vorschlägen die besten aussucht. Nominiert wurde das Open Air Bischofszell von Aurelio Wettstein, der nach einer Laudatio auf der Bühne Nadine Keller eine Urkunde als Erinnerung übergab: «Wir ehren Menschen, die über Generationen hinweg mit Leidenschaft, Idealismus und Beharrlichkeit etwas geschaffen haben, das weit über die Region hinaus strahlt. Und die besondere Seite dieses Festivals liegt darin, dass Kultur nicht primär als ein Geschäft angesehen wird, sondern als eine Überzeugung.»
Und so war es doch gar nicht so überraschend, dass sich die zehnköpfige Delegation der Kulturkommission des Rotary Clubs Oberthurgau schnell wohl fühlte auf dem Festivalgelände. Ob es an den Musikklängen der ersten Konzerte des Tages, den eiskalten Bierchen aus dem Offenausschank oder an der einmaligen Stimmung lag, kann nicht gesagt werden. Auf jeden Fall funktioniert Völkerverständigung am Open Air Bischofszell so gut wie kaum anderswo – wovon auch Nadine Keller überzeugt ist: «Wir sind wie eine grosse Familie. Denn bei uns ist wirklich jedermann willkommen.»
www.openairbischofszell.ch
Von David A. Giger