05.03.2026 07:23
Mit scharfem Blick von aussen
Die eigene Vergangenheit ist eine Sache, die uns Menschen prägt wie nichts anderes. Darum ist diese Vergangenheit oft eine Verschönerung, die sich in Gesellschaft der Nostalgie wohler fühlt als in jener der Realität. Doch manchmal schafft es ein scharfer Blick von aussen, durch diesen Schutzwall hindurchzublicken und Tatsachen zu sehen. Franco Ruault hat genau dafür das geschulte Auge.
Arbon Was will denn der «fremde Fötzel» auf meinem Hof? Was stellt er mir immer wieder die gleichen dummen Fragen? Und was will er mit dieser aufdringlichen Neugier überhaupt erreichen? – Alles Fragen, mit denen Franco Ruault bestens vertraut ist, da er immer wieder Antworten auf diese finden musste. Denn während der vier Jahre, in denen er für sein Buch «Baummord» in der Schweiz und vor allem im Oberthurgau recherchierte, wurde ihm nirgendwo der rote Teppich ausgelegt. «Ich musste mich definitiv warm anziehen. Doch wenn ich die Leute nicht gefragt hätte, dann hätten sie ihre Geschichte mit ins Grab genommen», sagt derPolitikwissenschafter und Historiker bei einem Besuch an seinem Arbeitsplatz im Schweizer Mosterei- und Brennereimuseum in Arbon.
Ein fast vergessenes Kapitel
Dass sich der 56-jährige gebürtige Österreicher so lang und intensiv mit einem dunkeln, fast schon in Vergessenheit geratenem Thema befasste, sei nicht geplant gewesen. «Ich wollte das Buch gar nie so schreiben. Es hat sich einfach ergeben», erzählt Franco Ruault. Er habe für die Eröffnung des Schweizer Mosterei- und Brennereimuseums historisches Material gesammelt und habe so den Thurgau von einer Seite kennengelernt, auf die sich Einheimische immer berufen. Dabei sei er jedoch immer wieder mit einer Frage konfrontiert worden, die er nicht beantworten konnte: «Wenn ihr ein Obstparadies seid, wo sind denn all die Bäume?»
Vier Jahre lang habe er Tag und Nacht recherchiert, da ihn das Thema einfach nicht loslassen wollte. Diese Faszination mit einem bestimmten Kapitel der Geschichte grenzte wohl häufig an Besessenheit und ist nicht nur durch persönliches Interesse erklärbar. Darum war es auch nicht die erste solche Episode im Leben von Franco Ruault und wahrscheinlich auch nicht die letzte: «Vieles liegt noch im Verborgenen und wartet nur darauf, entdeckt zu werden. Wenn wir forschen, dann können wir erfahren, wieso die Welt so ist, wie sie ist.»
Obwohl ihm diese Faszination wahrscheinlich auch in die Wiege gelegt wurde, hat sein allgemeines historisches Interesse und jenes an Themen aus dem Dritten Reich auch etwas mit seiner Kindheit zu tun: «Mein Grossvater kam 1945 in einem Panzer nach Hohenems. Für einige war er Befreier, für andere ein Besatzer.» Geschichten seiner Grossmutter, die den Franzosen heiratete und mit ihm eine Familie gründete, hätten dann sein Interesse an der Vergangenheit richtig geweckt. Denn eine Freundin der Grossmutter sei Jüdin gewesen und habe im Zweiten Weltkrieg fliehen müssen, woran er als Kind beim Gang durch das jüdische Viertel in Hohenems jedes Mal erinnert wurde. «Die Fragen waren schon immer präsent», meint Franco Ruault. Sein leidenschaftliches Interesse an Geschichte kann darum wohl auch als eine Suche nach Antworten verstanden werden.
Vergewaltigung der Natur
Bei der Recherchetätigkeit habe er schnell gemerkt, dass der Obstbau in der Schweiz lange eine Staatsangelegenheit gewesen sei, zu der es allgemein, aber vor allem aus jüngerer Zeit kaum Material gab. Ein paar Luftaufnahmen aus der Region Arbon hätten ihn dann jedoch richtig stutzig gemacht: «Da waren Obstbäume von Roggwil bis an den Bodensee zu sehen. Es war kein Vergleich zu Aufnahmen aus der Gegenwart, zum Arbon, das ich kenne.»
Dies war das erste Indiz, dass ihm gezeigt hätte, dass hier etwas Grosses stattgefunden haben muss, denn sonst hätte es niemals zu einer solchen Veränderung des Landschaftsbilds führen können. Mittlerweile weiss er, dass die Aktion «Umstellung des Schweizer Obstbaus» verantwortlich dafür war und ihr ab 1950 innerhalb eines Vierteljahrhunderts rund zehn Millionen Hochstammbäume zum Opfer fielen: «Bäume wurden angezündet, gesprengt, ausgerissen und abgeholzt. Es ging teilweise zu und her wie im Krieg.»
Wenn Franco Ruault über den Baummord spricht, merkt man schnell, dass das ganze Thema auch bei ihm Spuren hinterlassen hat, dass es ihm nahegeht. Er weiss Begegnungen so lebendig zu beschreiben und Gefühlslagen von Betroffenen so analytisch präzise zu beschreiben, dass sich das eigene Vorstellungsvermögen ein ziemlich klares Bild von dem zeichnen kann, was damals bei uns und in den benachbarten Regionen abging. «Drei Männer haben die Aktion generalstabsmässig durchgeboxt. Sie taten dies mit einem solch missionarischem Eifer, so fanatisch, dass man das heute gar nicht mehr begreifen kann.» Hans Spreng, Gustav Schmid und Ernst Lüthi hätten sich so an diesen Bäumen gestört, nur weil sie gegen jede Ordnung verstiessen, sie nicht sauber und gerade in der Landschaft standen.
Einfluss auf den Baummord habe sicher auch die eidgenössische Alkoholverwaltung gehabt. Doch die Anti-Alkohol-Bewegung sei nur am Anfang entscheidend gewesen: «In erster Linie ging es ums Geld. Darum wurde nicht nur die Obstverwertung verstaatlicht, sondern auch der Obstanbau.» Die Grundlagen hierfür seien im neuen Alkoholgesetz von 1930 zu finden gewesen. Doch die Sprengkraft des Gesetzes sei erst in den wirtschaftlich schwierigen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zur Geltung gekommen.
Forschen für besseresVerständnis und mehr Harmonie
«Es war ein Tiefpunkt in der Beziehung zwischen Menschen und Bäumen», sagt Franco Ruault zusammenfassend. Die Beziehung von Mensch zu Baum sei in der Region lange Zeit eine natürliche Symbiose gewesen. Deshalb hätten viele Zeitzeugen auch von einem Wunder der Natur gesprochen, wenn sie sich an den Obst-Dschungel oder die an eine Hochzeit der Natur erinnernde «Bluescht» erinnerten. Darum sei bei diesen intensiven Gesprächen häufig auch viel Wehmut im Spiel gewesen, sagt Franco Ruault: «Die Verwundung der Natur hast du auch in den Menschen gefunden.»
Es sei darum nicht nur wegen seiner Herkunft schwierig gewesen, dass Vertrauen von Betroffenen zu gewinnen, sondern auch wegen dieser einst so intimen Beziehung zu den Bäumen und des Verlusts dieser. Dank seiner Hartnäckigkeit und seinem anständigen Auftreten sei es ihm dann trotzdem häufig gelungen, seine Gegenüber davon zu überzeugen, dass er keine Vorwürfe machen wolle, sondern es ihm nur um die Sache gehe. «Die erste Reaktion auf mich war häufig Aggression, denn die Verletzung wurde nicht zugegeben. Sie mussten erst wieder 'runterkommen', bevor sie schliesslich anfingen, von ihrer Belastung zu erzählen und verstaubtes Material aus irgendeiner Schublade hervorzuholen», sagt Franco Ruault. Er habe wunderbare Erinnerungen an diese Zeit und gewisse Streitgespräche mit Involvierten und sehe darum vor seinem inneren Auge Landwirte Luftsprünge machen wegen seiner Fragen. Er sei so häufig auf den Höfen anzutreffen gewesen, dass man hätte meinen können, er gehöre dazu. Deshalb habe auch ihn diese Zeit geprägt: «Du begleitest Menschen auf ihrem Weg und sie lassen dich an ihrem Leben teilhaben. Da merkst du, dass Fakten wichtig, aber Gefühle wichtiger sind.»
Zurück zum Garten Eden
Dass ausgerechnet ein Österreicher kommen musste, um uns an unsere Vergangenheit zu erinnern, dürfte nicht jedem gepasst haben. Doch die Aufarbeitung eines dunklen Kapitels in unserer Vergangenheit zeigt uns nicht nur unsere Kapitulation vor dem Staat auf, sondern auch, dass die Natur ein Garten Eden sein kann, nur der Mensch sich nicht mit der passiven Rolle des Bewunderers und bescheidenen Profiteurs abfinden kann. Darum stellt sich Franco Ruault noch heute die Frage, ob wir überhaupt das Recht haben, die Schatzkammer der Natur mit ihrem Sortenreichtum so zu schänden: «Wir haben unsere Wurzeln gekappt. Es ist einzigartig, was vorher war, und einzigartig, wie es kaputt gemacht wurde.»
Diese Geschichte sei auch noch nicht vorbei, wovon Überlebende in den Höfen und auf den Wiesen zeugen würden. Darum sei es auch so wichtig, dass man aus diesem Kapitel die richtigen Lehren zieht: «Lasst uns aus den Fehlern lernen, um es besser zu machen. Vielleicht können wir dann der nächsten Generation etwas Schönes hinterlassen.»
Von David A. Giger