09.04.2026 07:39
Tierische Ostertradition
Wer in Zusammenhang mit Ostern an ein Tier denkt, dem kommt der Hase oder vielleicht auch das Lamm in den Sinn. Es sei denn, man ist Reiterin oder Amriswiler. Denn dieses Jahr fand während des wichtigen christlichen Fests bereits zum 103. Mal das traditionelle Osterspringen Amriswil statt.
Amriswil Seit 1920 hüpft in Amriswil während der Ostertage nicht nur der Hase durchs Städtchen, sondern auch viele etwas grössere, behufte und zudem «bemannte» Tiere. Das vom Reitverein Amriswil organisierte Osterspringen ist darum ein Fixpunkt im Jahreskalender der Stadt geworden. Doch gesprungen wird auf der temporären Anlage im Tellenfeld selbstverständlich nicht das ganze Osterwochenende, erklärt Alessa Vöge, Co-Präsidentin des OKs: «Am Karfreitag und am Ostersonntag wird nicht geritten. Der Höhepunkt ist darum stets am Mittag des Ostermontags.»
Um das Osterspringen Amriswil in seiner bekannten Form auf dem Tellenfeld zu realisieren, ist viel Arbeit im Vorfeld von Nöten. Da es sich um eine temporäre Sandplatz-Arena handelt, muss schon zwei Wochen vorher mit dem Aufbau der viele Tonnen schweren Infrastruktur angefangen werden. Denn Pferde sind anspruchsvolle Tiere. Springpferde noch eine Schippe anspruchsvoller. Darum werden jedes Jahr rund 700 Tonnen Quarzsand auf 3'400 Kunststoff-Bodenplatten verteilt, um den sprunggewaltigen Huftieren beste Voraussetzungen auf dem Tellenfeld zu bieten. «Früher wurde noch auf der Wiese geritten. Doch die Verletzungsgefahr ist auf solchem Untergrund viel grösser, vor allem wenn der Boden matschig ist», sagt Alessa Vöge.
Der Aufbau dauere jeweils rund sieben Tage, der Rückbau vier Tage. Der nötige Sand für die Anlage gehöre dem Osterspringen Amriswil und werde jeweils in unmittelbarer Nähe des Reitplatzes gelagert, erklärt die Co-Präsidentin des OKs: «Die Infrastrukturkosten sind definitiv hoch bei einem temporären Anlass im Springreiten. Doch beim Osterspringen geht's nicht ums Profitmachen – wir sind glücklich, wenn wir eine schwarze Null schreiben.»
Springreiten für alle
Das Osterspringen Amriswil bietet sowohl für Reiterinnen und Reiter als auch für das Publikum einiges. «Das Coole am Osterspringen für uns Reiter ist mit Sicherheit die grosse Bandbreite. Denn von der Amateurin bis zur nationalen Elite können alle dabei sein», sagt Alessa Vöge. Dies liege auch daran, dass man sich nicht für das Osterspringen qualifizieren, sondern sich nur anmelden müsse: «Trotzdem ist es ein Qualifikationsturnier für die Schweizermeisterschaften, also eine nationale Prüfung. Man kann darum auch die Stars der Szene hautnah erleben.»
Für Zuschauerinnen und Zuschauer biete das Osterspringen, das traditionell jeweils eines der ersten Turniere der Aussensaison sei, vor allem die Möglichkeit, einmal einen Augenschein von einer speziellen Sportart zu nehmen, von der viele glauben würden, dass sie einen exklusiven Charakter habe: «Beim Osterspringen wird kein Eintritt bezahlt – jede und jeder kann bei uns reinlaufen und sich selbst einen Eindruck verschaffen.»
Sicherheit geht vor
Am Mittwochmorgen, 1. April, ist das Publikum noch überschaubar, dass von den Festbänken aus die erste Prüfung des Osterspringens von insgesamt 17 beobachtet. Doch dies heisst keineswegs, dass in der Arena weniger Eindrückliches geleistet wird. Denn beim Verfolgen der Kategorie R110 wird einem schnell klar, dass Springreiten nicht ohne ist. Obwohl die Hindernisse in dieser Kategorie «nur» 110 Zentimeter hoch sind, ist es beeindruckend aus nächster Nähe zu sehen, welche Kräfte beim Springen auf Pferde und deren Reiter wirken. «Es ist garantiert kein Sport, der ungefährlich ist. Doch darum spielt die Sicherheit auch eine wichtige Rolle», erklärt Alessa Vöge. So würden viele Reiterinnen und Reiter mittlerweile nicht nur den vorgeschriebenen Helm tragen, sondern auch ein spezielles Gilet: «Ähnlich wie beim Skifahren verfügt es über einen Airbag. Bei uns Reitern wird er jedoch durch eine Vorrichtung ausgelöst, die am Sattel befestigt wird.»
Und für die Sicherheit der menschlichen als auch tierischen Athletinnen und Athleten wird auch vom Organisator gesorgt, erklärt die Co-Präsidentin des OKs: «Die Sanität und ein Tierarzt müssen immer auf Platz sein bei einem Reitturnier. Wir hoffen natürlich immer, dass sie nur am Kaffeetrinken sind und sie nichts zu tun haben.»
Kaum ist die Kategorie R110 fertig, machen sich viele fleissige Hände und ein Traktor daran, den Platz für die nächste Prüfung vorzubereiten. Hierfür werden die Hindernisse abgebaut und an ihren neuen Standort verschoben. Damit diese dann korrekt gesetzt werden, kommen lange Massbänder zum Einsatz. Und während die Helferinnen und Helfer ihr Bestes tun, den neuen Parcours zu setzen, kurvt zwischen ihnen ein Traktor mit einer speziellen Bürsten-Vorrichtung umher. Und dieser «Reitplatzplaner» schafft es im Nu, die Huf- und Fussabdrücke verschwinden zu lassen und den Sandboden für die nächste Prüfung zu glätten.
Die verschiedenen Prüfungen unterscheiden sich aber nicht nur durch jeweils neu gesetzte Parcours, sondern vor allem auch durch die Höhe der Hindernisse, erklärt Alessa Vöge: «Pro Kategorie werden jeweils zwei Prüfungen geritten. In der leichtesten Kategorie sind die Hindernisse 90 cm hoch, bei der schwierigsten 150 cm.»
Ein Sport für Angefressene
Wer Springreiten will, der muss einen grossen Aufwand betreiben. Dies gilt nicht nur für Wettkämpfe wie das Osterspringen Amriswil, sondern allgemein. «Es braucht viel Zeit und doch auch ein bisschen Geld. Man muss also schon ein bisschen angefressen sein, wenn man diesen Sport betreibt», meint Alessa Vöge. Und es ist gut möglich, dass sie in kommenden Jahren noch mehr Aufwand für ihr Hobby betreiben wird: «Geplant ist, dass ich als sanften Einstieg ein paar Jahre zusammen mit Stefan Kuhn das Co-Präsidium inne habe, um danach ganz zu übernehmen.» Kennengelernt habe sie den langjährigen OK-Präsidenten Stefan Kuhn nicht über die TKB, den gemeinsamen Arbeitgeber und Hauptsponsor des Osterspringens, sondern auch übers Reiten. Und da die meisten Mitglieder des OKs selbst reiten und auch am Turnier teilnehmen, hätten wohl alle gewusst, worauf man sich beim Osterspringen Amriswil einlasse.
Die Fronarbeit über die Feiertage sei darum für das OK etwas Selbstverständliches. Dass sie jedoch dabei von rund 165 Helferinnen und Helfer unterstützt werden, sei fantastisch, meint Alessa Vöge: «Wir haben uns daran gewöhnt, dass unsere Ostern auf dem Tellenfeld stattfinden. Dass wir dabei so viel Unterstützung von helfenden Händen erhalten, wird von uns allen im OK enorm geschätzt.»
www.osterspringen.ch
Von David A. Giger