22.01.2026 08:47
Versorgung im weiten Sinne
Wenn ein regionaler Bauerntag unter dem Motto «versorgt» steht, dann glaubt man zu wissen, dass es am Anlass um Lebensmittel geht. Welche Lebensmittel jedoch tatsächlich im Fokus des Bauerntags Ostschweiz standen, der am vergangenen Sonntag in der Rietzelghalle in Neukirch über die Bühne ging, dürfte die eine oder andere überraschen.
Neukirch Dass das Wort «versorgt» auf verschiedene Weisen interpretiert werden kann, wurde schon auf dem Flyer deutlich, der auf den Bauerntag Ostschweiz in Neukirch hindeutete. Denn die ungewöhnliche Schreibweise des Mottos der Veranstaltung liess schon die Vermutung aufkommen, dass mit «vERsorgt» mehr als nur die Produktion von Nahrungsmitteln gemeint war. Die auf dem Flyer gestellten Fragen liessen dann keine Zweifel mehr daran, was unter «vERsorgt» am Bauerntag zu verstehen ist und dass Lebensmittel für einmal eine weitere Dimension erhalten haben: «Wir Bauern sind Versorger, doch wie versorgt sind wir selbst? Und wo kommt Gott als der grosse Versorger ins Spiel?»
Versorgung durch Gott
«Versorgung kann auf ganz viele verschiedene Weisen verstanden werden. Doch am Bauerntag steht die Versorgung durch Gott im Himmel im Vordergrund», sagt Corinne Neuhaus aus Opfershofen. Diese Versorgung werde in der Bibel versprochen. Und an dieses Versprechen wolle man erinnern sowie Bäuerinnen und Bauern ermutigen, an ihm festzuhalten: «Wir wollen bewusst nicht auf das schauen, wo wir unterversorgt sind, sondern auf das, wo Gott uns versorgt.»
Corinne Neuhaus gehört zum neunköpfigen Organisationskomitee, das den Ostschweizer Bauerntag in der Rietzelghalle in Neukirch auf die Beine stellte. An diesem kamen Bäuerinnen und Bauern sowie Freunde der Landwirtschaft aus dem Thurgau, St.Gallen, Graubünden und beider Appenzell zusammen, um Erfahrungsberichte aus dem Alltag zum Thema «Versprochene Versorgung» zu hören und darüber zu diskutieren. «Alle zwei Jahre gibt es eine nationale Bauernkonferenz, dazwischen immer wieder regionale, in der ganzen Schweiz. Die Stiftung Schleife organisiert die nationale Bauernkonferenz und unterstützt die regionalen Ableger der Organisation und Bekanntmachung», sagt Corinne Neuhaus. Die Stiftung Schleife sei keine Kirche, sondern eine überkonfessionelle christliche Bewegung. So steht es auch auf der Webseite der Bewegung, die ihre Ursprünge in der evangelischen Kirchengemeinde Winterthur-Seen hat: «Seit Gründung haben sich Christen verschiedenster Konfessionen und Nationalitäten der Stiftung Schleife und der Schleife Gemeinschaft angeschlossen. Uns eint der Wunsch, Jesus Christus nachzufolgen und seine Weisungen für ein gesundes, gelingendes Leben zeitgemäss umzusetzen.»
Friedliches Beisammensein
Auf Empfehlung von Corinne Neuhaus wurde am Sonntag das Nachmittagsprogramm besucht, bei welchem sich sechs Persönlichkeiten mit Moderatorin Debora Bär aus Opfershofen austauschten. Als Überleitung vom Mittagessen, dass aus währschaftem «Ghackets mit Hörnli und Apfelmus» bestand, gab es Alphornklänge und einen Sketch zum Thema. Stefan Beutter aus Wilen-Gottshaus war dann der erste Gast auf der Bühne, der seine Einschätzung von «vERsorgt» anhand verschiedener Beispiele aus seinem Leben teilte. Insbesondere ein Wunder sprach er an, dass in den Anfangszeiten des Betreibens der Freilandhühner Farm dafür gesorgt habe, dass sich finanzielle Sorgen plötzlich in Luft aufgelöst hätten. Denn als ihm die Bank keinen Kredit geben wollte und er die Angelegenheit mit einem Kollegen besprochen habe, sei dieser total unerwartet als Retter eingesprungen und habe ihm ein zinsloses Darlehen über fünf Jahre angeboten. «Bis dahin habe ich immer gedacht, dass man Geld nur von der Bank und Geschäftsmännern bekommt, und nicht von einfachen Bauern», sagte Stefan Beutter. Dies habe ihm gezeigt, dass «Er» versorgt und dass Gottvertrauen zusammen mit Ehrlichkeit eine starke Kombination sei.
In weiteren Interviews gewährten verschiedene Rednerinnen und Redner Einblick in ihr Leben, ihre Beziehung zu Gott und was «Versorgung» für sie bedeute. Insbesondere wenn das Leben nicht so laufe, wie gewünscht, und Krankheiten, Unfälle und andere Schicksalsschläge sich oder die Familie heimsuchen würden, sei die Versorgung durch Gott spürbar, war mehrmals zu erfahren. Manchmal wurden hierfür Bibelverse zitiert oder deren Einordnung genannt, so zum Beispiel Psalm 23, der Hirtenpsalm, in dem die Versorgung durch Gott beschrieben wird. Eine ganz andere Komponente erhielt das Wort dann durch die Ausführungen von Patrick Hofstetter. «Kluger Rat, Notvorrat», meinte nämlich der Dozent für Führung an der ETH-Militärakademie. Gottvertrauen alleine genüge nicht, sondern man müsse immer auch selbst anpacken, um versorgt zu sein: «Es ist unsere Verantwortung, mitzuarbeiten im Reich Gottes.»
Dass im hinteren Teil der Halle Kinder spielten und teilweise doch etwas Lärm produzierten, schien niemanden zu stören und der friedlichen Stimmung keinen Abbruch zu tun. Und als dann die ganze Halle gemeinsam von einer einzigen Gitarre begleitet das Lied «Du grosser Gott» sang, schien es tatsächlich so, als wären alle Gäste in der Halle bestens versorgt zu sein – wie auch immer das Wort interpretiert wird.
Von David A. Giger