13.05.2026 20:28
Im Zentrum von Amriswil wird nun geschossen
Die Polizeischule Ostschweiz (PSO) hatte am vergangenen Freitag, 8. Mai, gleich zwei Gründe, um zu feiern: Einerseits durfte das 20-Jahr-Jubiläum begangen werden. Und andererseits konnte eine Raumschiessanlage mitten in Amriswil eingeweiht werden, von deren Betrieb wohl selbst unmittelbare Nachbarn nichts mitbekommen werden.
Amriswil Keine Stadt in der Ostschweiz ist für die Ausbildung von künftigen Polizistinnen und Polizisten so wichtig, wie Amriswil. Denn durch eine Verwaltungsvereinbarung zwischen den Kantonen Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Graubünden, Schaffhausen, St.Gallen, Thurgau sowie dem Fürstentum Liechtenstein und den beiden Städten Chur und St.Gallen wird das erste Ausbildungsjahr und somit der Einstieg ins Polizistendasein in Amriswil absolviert.
Dass von nun an mitten im Zentrum der Stadt fast täglich geschossen wird, ist eine Tatsache, die für die meisten Amriswilerinnen und Amriswiler von null Interesse sein dürfte. Denn die letzten Freitag, 8. Mai, eröffnete neue Raumschiessanlage wurde unterirdisch angelegt und so topmodern konzipiert, dass ausser heisser Luft nichts nach aussen dringt.
Architektonische Glanztat
Als letzten Freitag die geladenen Gäste im Saal der Polizeischule Ostschweiz (PSO) Platz nahmen, zeichnete sich ein Bild, dass typischer wohl nicht sein könnte: Polizeiblau wohin das Auge reicht. Denn aus der ganzen Ostschweiz waren Vertreter und Ausbildnerinnen der beteiligten Polizeikorps nach Amriswil gereist, um das 20-Jahr-Jubiläum der PSO zu begehen und einen Augenschein auf die neue, erst kürzlich fertiggestellte Raumschiessanlage zu werfen. «Die Idee, unter den bestehenden Gebäuden eine Raumschiessanlage zu erstellen, kam das erste Mal vor zehn Jahren auf», erklärte Marcus Kradolfer, Direktor der PSO, in seinen Begrüssungsworten.
Grünes Licht habe es jedoch erst im März 2022 gegeben und bis zum Erhalt der Baubewilligung habe es nochmals etwas länger als zwei Jahre gedauert. Doch die Geduld und der Einsatz habe sich definitiv gelohnt, denn trotz des erheblichen Baulärms habe der Schulbetrieb die ganze Zeit aufrechterhalten bleiben können: «Die Raumschiessanlage ist eine architektonische Glanztat und eine Ingenieur-Meisterleistung. Denn sie ist nicht nur topmodern, sondern liegt auch im Untergrund und zudem noch im Grundwasser.»
Meilenstein für die Ausbildung
Dass von nun an bis zu zehn Aspirantinnen und Aspiranten der PSO gleichzeitig ihr Schiesstraining in Amriswil absolvieren können, sei ein Meilenstein für die künftige Ausbildung, ist Marcus Kradolfer überzeugt: «Früher mussten wir auf militärische Waffenplätze oder auf privat betriebene Schiessanlagen zurückgreifen. Jetzt können wir einfach in den Keller des Hauptgebäudes gehen.» Damit seien auch die Weichen für die nächsten 15 bis 20 Jahre gestellt und das Projekt «Polizei der Zukunft» sei in Bezug auf die Schiessausbildung voll im Fahrplan. Doch die Eröffnung der neuen Raumschiessanlage habe nicht nur praktisch einiges zu bieten, meinte der Direktor der PSO: «Der Standort wurde bewusst gewählt. Denn er steht symbolisch für die enge Zusammenarbeit von Polizei und Bevölkerung.»
Wie wichtig die Ausbildung für diese Zusammenarbeit ist, betonte auch Regierungsrätin Ruth Faller Graf in ihren Grussworten: «Ich glaube, die Polizeischule ist mehr als ein Ort des Lernens. Es ist ein Ort der Prägung, der Entwicklung und der Vorbereitung gleichzeitig auf einen Beruf, der mehr ist als ein Job.»
Die Vorsteherin des Departements für Justiz und Sicherheit des Kantons Thurgau freute sich, dass mit der Raumschiessanlage nun eine geschuldete Notwendigkeit realisiert werden könne und Menschen noch effizienter zu Beschützerinnen und Beschützern ausgebildet werden können: «Die Polizei repräsentiert das Gewaltmonopol in unserem Staat. Und deshalb müssen alle Polizistinnen und Polizisten ihre Einsatzmittel, wozu eben auch die Schusswaffen dazuzählen, professionell einsetzen können, wenn es die Situation erfordert.» Die Polizistinnen und Aspiranten seien die Gesichter der Polizei und damit das Aushängeschild des Korps. Denn sie würden täglich zeigen, dass Polizeiarbeit weit mehr ist als ein Dienst nach Vorschrift, nämlich Berufung, Verantwortung und Haltung. Und genau darum komme der Ausbildung an der PSO auch ein so hoher Stellenwert zu: «Hier lernt man, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und zu schauen, dass Recht und Ordnung mit Menschlichkeit verbunden werden.»
Schüsse im Stadtzentrum
Markus Büchi richtete als CEO der Pensionskasse Thurgau, die Grundeigentümerin der PSO ist, auch noch einige Worte an die geladenen Gäste und machte klar, dass es sich bei der Raumschiessanlage um kein typisches Objekt im Portfolio der Pensionskasse handle: «Denn im Normalfall ist es der 'worst case', wenn in einer Immobilie geschossen wird.» Dass es sich jedoch im Falle der PSO um den 'best case' handle, konnte bei der anschliessenden Besichtigung gleich selbst in Erfahrung gebracht werden. Doch erst mussten alle Gäste Gehörschutz und Schutzbrille fassen und dann auf Kommando von Mike Thurnheer aufsetzen. Der Einsatztrainer für Sicherheitspolizeiliche Grundausbildung erklärte aber zuerst noch, was gleich von den Aspirantinnen und Aspiranten zu sehen sei: «Wir werden einzelne Elemente des Abschlusstests der Polizeiausbildung vorführen. Diese finden aus fünf und zehn Metern Abstand sowie aus unmittelbarer Nähe von ein bis drei Metern Abstand statt, was eine Notwehr-Situation simulieren soll.»
Acht Aspirantinnen und Aspiranten absolvierten schliesslich ihr Programm und sorgten nicht nur für Bewunderung bei den Gästen, sondern vor allem auch für viel Verwunderung. Denn trotz der Abgabe von mehreren Dutzend Schüssen waren dank einer topmodernen Lüftung keinerlei Spuren von Pulverdampf in der Luft wahrzunehmen.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen durften dann die Mitglieder der verschiedenen Ostschweizer Korps erste eigene Praxistest auf der neuen Raumschiessanlage durchführen. Viel Lob wurde dabei für die neue Errungenschaft, aber auch allgemein für die Arbeit der PSO ausgesprochen. So rühmte zum Beispiel Jules Hoch, Polizeichef der liechtensteinischen Landespolizei, die Arbeit der PSO in höchsten Tönen. Denn sie sei ein Glücksfall und bringe dem Liechtensteinischen Korps viele Vorteile. Dies sei jedoch gar nicht so überraschend, wenn man sich ihres Stellenwerts bei polizeilichen Ausbildungsbetrieben bewusst sei: «Die PSO ist schliesslich die einzige Polizeischule der Schweiz, die international ist.»
Von David A. Giger