Daniel Oberhänsli ist unglaublich dankbar, dass er als medizinisches Wunder weiter auf dieser Welt wandeln darf. ⋌dag
05.11.2026 08:14
Wenn das dritte Herz im Brustkorb für einen schlägt
Daniel Oberhänsli lebt seit dreissig Jahren ohne sein eigenes Herz. Im Alter von 13 Jahren erhielt der Sitterdorfer ein Spenderherz und meisterte mit diesem alle Herausforderungen des Lebens. Doch vor gut zwei Jahren führten Komplikationen mit dem Spenderherz zu einem kaum für möglich gehaltenen medizinischen Eingriff: Er erhielt zum zweiten Mal in seinem Leben ein neues Herz.
Sitterdorf Eine Herztransplantation ist ein medizinisches Wunder. Seit 1967 das erste Mal erfolgreich ein Herz in Südafrika transplantiert wurde, hat die Medizin jedoch noch viele weitere Quantensprünge gemacht, die Lebenserwartung und Lebensqualität von Betroffenen enorm verbesserten. Nur dank diesem wissenschaftlichen Fortschritt ist es Daniel Oberhänsli heute überhaupt möglich, seine eindrückliche Krankheits- und Lebensgeschichte mit uns zu teilen.
Organspenden retten leben
Daniel Oberhänsli lebt seit Januar letzten Jahres mit seinem insgesamt dritten Herz. Der 43-jährige Sitterdorfer lebte zuvor 29 Jahre lang mit einem Spenderherz, das ihm als Teenager transplantiert wurde. Im Gespräch erzählt der Vater von zwei Kindern, wie er es trotz vieler Einschränkungen schafft, Normalität in seinen Alltag zu bringen.
Wer ein fremdes Herz in seinem Brustkorb trägt, der wird jeden Tag daran erinnert. Denn ohne verschiedene Medikamente ist ein Leben nicht mehr möglich. Insbesondere Immunsuppressiva spielen eine wichtige Rolle, da ihre Wirkstoffe die Funktion des körpereigenen Immunsystems unterdrücken und sie es so dem Körper überhaupt erst möglich machen, ein fremdes Herz anzunehmen und es nicht abzustossen. «Nach der zweiten Herztransplantation wurde die Dosis von Immunsuppressiva wieder erhöht. Und ich musste darum auch wieder besser aufpassen, wo ich mich aufhalte», erzählt Daniel Oberhänsli. Denn grössere Menschenansammlungen oder enge Raumverhältnisse wie im Zug, müsse er unbedingt vermeiden.
Alles begann mit einer Grippe
«Ich hatte bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr überhaupt keine gesundheitlichen Beschwerden. Doch 1996 entzündete sich mein Herzmuskel nach einer Grippe», erinnert sich Daniel Oberhänsli. Nach mehreren Wochen Spitalaufenthalt in Münsterlingen sei er schliesslich ins Kinderspital Zürich und dann von dort umgehend in die Herzklinik des Unispitals verlegt worden. «Ich war damals immer müde und geschwächt, denn ich habe Infusionen bis zum geht nicht mehr erhalten», sagt Daniel Oberhänsli.
Da sich die Herzmuskelentzündung nicht besserte, stand bald fest, dass nur eine Herztransplantation ihm helfen würde. Ungefähr zwei Wochen nach Einlieferung in die Herzklinik wurde er dann auch schon operiert. «Ich hatte bei beiden Transplantationen unglaublich Glück. Denn normalerweise warte man im Durchschnitt eineinhalb Jahre auf ein neues Herz, haben mich die Ärzte wissen lassen», so der 43-Jährige.
Obwohl er nach der ersten Herztransplantation ein paar Monate die Schule nicht besuchen konnte und aufgrund des vielen Liegens wieder laufen lernen musste, machte er schliesslich im Altersheim Sulgen eine Lehre als Koch. Eigentlich wurde ihm von den behandelnden Ärzten geraten, zu viel Sport und Stress zu meiden, doch er habe geglaubt, dass er das auch so hinkriege und habe darum in seinem ersten Job anfangs sogar seine besonderen Umstände verschwiegen: «Zum Glück hat mein damaliger Arbeitgeber dann die Nachricht gut aufgenommen und Rücksicht auf mich genommen. Und ein Sportmensch war ich sowieso noch nie.»
Die Mischung macht's aus
Obwohl Daniel Oberhänsli seit seinen Teenie-Jahren dazu aufgefordert wurde, besonders vorsichtig zu sein, sei er doch immer seinen eigenen Weg gegangen: «Du musst eine gute Mischung finden zwischen Ernst und Lockerheit. Denn wenn du alles zu ernst nimmst, dann hörst du auf zu leben.» Mit den Jahren habe er feststellen dürfen, dass dies gut funktioniere und dass seine Mischung «verhebe». Trotzdem hat Daniel Oberhänsli eine Krankenakte, die in analogen Zeiten wohl ein Dutzend Ordner oder mehr ausgefüllt hätte. Lange hat Daniel Oberhänsli versucht, trotz seiner schwierigen medizinischen Kondition normal zu arbeiten. Doch heute gehe dies nicht mehr, da ihm zu viel Stress nicht gut tue. Er kümmere sich um seine fünfjährige Tochter Magdalena und seinen elfjährigen Sohn Niklas, wenn seine Frau Tünde am Arbeiten ist, und er koche regelmässig zu Mittag. Und Futter bereitet er auch täglich für seine Haustiere zu, die er in vier Aquarien zu Hause und im Garten seines Elternhauses pflegt: «Fische und Vögel sind schon lange mein Hobby. Ich mache für all meine Tiere ihr eigenes Spezialfutter und tausche mich mit vielen gleichgesinnten Züchtern in Chats über die Tiere aus.»
Sein verstorbener Vater Heinz habe früher schon Vögel gezüchtet, weshalb er die Faszination für die geflügelten Tiere schon früh aufgeschnappt habe. Heute seien die Tiere vor allem eine Oase der Ruhe für ihn. Denn obwohl er eine ganze IV erhalte, mache er sich doch viele Gedanken wegen seiner und der Zukunft seiner Familie: «Das Weltgeschehen beschäftigt mich mehr als meine Krankheit.»
Neues Herz, neues Leben?
Seit Januar 2025 lebt Daniel Oberhänsli nun mit seinem zweiten Spenderherz, also seinem dritten Herz insgesamt. Da Spenderorgane extrem knapp sind, gelten für eine zweite Transplantation sehr strenge medizinische Kriterien, weshalb er riesig Glück hatte. Obwohl bisher alles den Umständen entsprechend gut verlaufen sei, habe diese Transplantation doch auch einiges Unbekanntes ans Tageslicht gebracht: «Nach der zweiten OP fing ich plötzlich an, Kaffee zu trinken. Dabei mochte ich Kaffee nie», erzählt Daniel Oberhänsli.
Er habe sich extra eine Espressokanne gekauft, da der Drang nach Kaffee einfach nicht weggehen wollte. «Ich vermute mittlerweile, dass mit dem Herz noch viel mehr von einem Menschen auf den anderen übergeht als nur das Organ.» Bei seiner ersten Herztransplantation habe er dies wohl nicht so erlebt, da er noch sehr jung war und seine Persönlichkeit noch nicht ausgebildet gewesen sei. Doch seit sein zweites Spenderherz für ihn pumpe, habe er auch noch eine andere Vermutung: «Ich bin mir ziemlich sicher, dass das erste Herz von jemandem stammte, der älter war als ich. Das zweite Herz stammt wahrscheinlich von jemandem jüngeren.»
Dass er überhaupt eine zweite Herztransplantation brauchte, hing aber nicht mit dem Alter des Herzens, sondern mit einer weiteren ernsthaften Erkrankung zusammen, erklärt Daniel Oberhänsli: «Ich hatte im 2017 ein Lymphom. Und da hat das ganze Theater angefangen.» Denn um den Krebs zu behandeln habe er eine Chemotherapie machen müssen, was in seinem Falle eine doppelte Herausforderung war: «Chemo ist nicht lustig. Doch für mich ist es eine noch schwierigere Sache, da alles besonders gut koordiniert werden muss.» Er habe jedoch das Glück gehabt, dass die zuständigen Professoren an der Uniklinik Zürich direkt miteinander kommunizierten und er so die bestmögliche Behandlung erhielt.
Obwohl die Chemotherapie anschlug und der Krebs besiegt werden konnte, seien dann auch schon bald die nächsten Beschwerden gekommen: «Ich hatte Herzrhythmusstörungen und teilweise einen Puls von 170. Einmal musste mich mein Schwager deswegen in die Klinik fahren und die Verantwortlichen waren ganz empört, als ich vom Besucherparkplatz in den Notfall gelaufen bin.»
Was dann folgte, war eine weitere medizinische Odyssee. Denn da das Einsetzen von Herzschrittmachern zweimal keine Besserung brachte, stand am Schluss schliesslich nur noch eine erneute Herztransplantation im Raum.
Auf alles gefasst
Dass Daniel Oberhänsli heute nichts von seiner schwierigen Krankheitsgeschichte anzumerken ist, grenzt an ein Wunder. Ein medizinisches Wunder ist er sowieso, denn auch von seiner zweiten grossen OP hat er sich weitgehend erholt: «Ich war in keinem guten Zustand, denn auch meine Nieren haben gelitten. Doch ich habe gemerkt, dass ich halt doch ziemlich widerstandsfähig bin.»
Daniel Oberhänsli ist deswegen nicht nur seinen Ärzten und dem Pflegepersonal unglaublich dankbar, sondern auch seiner Familie und Freunden: «Nur dank der Unterstützung meiner Mutter Ursula, meiner Schwester Jasmine, meinem Bruder Marcel, meinem Schwager René, meiner Kollegin Silvia und meiner Frau Tünde kann ich ein einigermassen normales Leben führen.» Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht muss er aber doch nochmals den vorhergehenden Punkt auffassen: «Und Unkraut vergeht nicht.»
Doch die bewundernswerte positive Einstellung von Daniel Oberhänsli rührt wohl auch von einer ganz speziellen Auffassung her, die ihn auf fast jede Situation vorbereitet: «Meine Strategie ist es, den Teufel an die Wand zu malen. Denn wenn du dich von vornherein auf den schlimmsten Gegner einstellst, dann wird deine Hoffnung nicht so schnell enttäuscht.»
Von David A. Giger