Martin Walz hat extra für den Termin mit der Zeitung eine Theorielokal in seiner Küche in Schocherswil eingerichtet. ⋌dag
29.10.2026 07:31
Wer fährt noch regelkonform?
Martin Walz aus Schocherswil ist seit 40 Jahren Fahrlehrer und hat schon Millionen von Kilometern auf Strassen in über 35 Ländern abgespult. Obwohl der 70-Jährige längst seinen Ruhestand geniessen könnte, denkt er noch überhaupt nicht ans Aufhören. Und dies nicht nur, weil er täglich Wissenslücken im Strassenverkehr wahrnimmt, sondern auch, weil er für seinen Beruf brennt.
Schocherswil Dass Martin Walz verschleissarmes und regelkonformes Steuern eines Fahrzeugs wichtig ist, dass merkt der Berichterstatter schon kurz nach Ankunft in seinem Zuhause in Schocherswil. Denn bevor ein Gespräch in Gang kommen kann, steht erst einmal eine kurze Theorieprüfung in der extra dafür eingerichteten Küche an. Der Fahrlehrer ahnt nämlich Dossierschwäche: «Das Wissen ist nicht da. Und darum versteht kaum jemand die Verkehrsregeln.»
Wenn einem der Verkehrssinn fehlt
Martin Walz ist mit Leib und Seele Fahrlehrer – und dies in allen Kategorien, also vom Kleinmotorrad bis hin zum Schwerverkehr-Lastwagen. Obwohl seine Lehrmethoden sich in den vergangenen vier Jahrzehnten bewährt hätten, glaubt er doch, dass vielen Strassenverkehrsteilnehmern eine Auffrischung ihres Wissens gut tun würde.
Um sein breites Wissen an Fahrschüler weiterzugeben, ist Martin Walz fast jedes Mittel recht. In seiner Küche hat er darum extra für den Besuch der Zeitung einen Bildschirm aufgestellt, mit dem er von seinem Laptop Videos von kniffligen Situationen im Strassenverkehr projizieren kann. Kaum hat sein heutiger Schüler Platz genommen, legt er los: «Der Linksabbieger hat grundsätzlich keinen Vortritt», meint Martin Walz. Und relativiert umgehend: «Aber natürlich gibt es auch hier Ausnahmen.»
Um aufzuzeigen, in welchen Verkehrssituationen dies der Fall ist, sucht er nach Stift und Block und bedient sich kurzerhand bei jenen des Redaktors. «Natürlich sind das Details. Aber wichtige Details», meint er zu einer Situation, die man nicht an vielen Orten antrifft. Doch selbstverständlich weiss er genau, wo in der Region es eben doch genau so der Fall ist.
Martin Walz redet wie ein Buch. Wie ein Lehrbuch, denn er kennt die Strassenverkehrsordnung anscheinend in- und auswendig und will dieses Wissen weitergeben. Und dieser Redeschwall zu Beginn der Lektion hat Taktik: «Ich will die Leute erwischen. Die meisten haben nämlich dann ein Aha-Erlebnis.» Und wer ein solches habe, der sei dann viel offener für neue Informationen und lerne schneller. So zum Beispiel beim Rechtsvortritt, der für viele Autolenker auf der Strasse noch heute ein Mysterium sei: «Immer zuerst den Vortrittsberechtigten ausmachen und dann im Uhrzeigersinn vorgehen. So erkläre ich es meinen Fahrschülerinnen und -schülern, und so hat es bisher bestens geklappt.»
Ein Dschungel der Regeln
Die Signalisation im Strassenverkehr sei aber trotz klarer Regeln für viele verwirrend und verfänglich. Dabei gebe es eine klare Hierarchie, sagt der Fahrlehrer. So habe die Polizei oder der Verkehrsdienst immer erste Priorität und erst dann die gewöhnliche Signalisation. Dort seien dann zuerst die Lichtsignale zu beachten, dann die Signalschilder und dann die allgemeinen Strassenregeln, wie zum Beispiel Rechtsvortritt oder Linksabbiegen. Erst dann würden in der Hierarchie die Bodenmarkierungen kommen: «Der Wille, um die Materie zu verstehen, fehlt heute einfach. Doch jemand muss sich ja damit befassen!»
«Komm ich zeig's dir», sagt Martin Walz nach seiner nächsten Frage, nimmt nun seinen eigenen Stift und sein eigenes Blatt Papier zur Hand, und beginnt zu zeichnen und Erklärungen niederzuschreiben. «Ich bin gelernter Maschinenzeichner, darum zeichne ich gern und viel», meint er zu seinen Erklärungen, kritzelt weiter und ergänzt: «Ein Lehrer, der ein Problem nicht zeichnerisch darlegen kann, ist kein Lehrer. Im Besonderen bei der Motorradausbildung oder Anhängerschulung sind Zeichnungen wesentlich!»
Bald ist klar, dass Schulterblick und Seitenblick nicht das Gleiche sind und dass eine Hauptstrasse nicht immer eine Hauptstrasse ist, sondern im Fall einer Strassenbenennung durchaus eine Nebenstrasse sein kann. Und auch auf Besonderheiten in der Schweiz geht er ausführlich ein. So würden zum Beispiel unsere nördlichen Nachbarn keinen Lernfahrausweis kennen: «In Deutschland musst du mit dem Fahrlehrer Motorradfahren lernen. Allein mit einem 'L' herumfahren, wie bei uns, darf man dort nicht.» Dies führe wiederum zu einer weiteren Besonderheit, denn es würden für Motorrad und Auto die gleichen Regeln gelten: «Bei uns kannst du darum schon mit 15 die Autotheorieprüfung machen.»
Martin Walz hat auch noch einige allgemeine Fahrtipps parat: «Die meisten fahren viel zu schnell an Kreisel heran. Ist die Anfahrt jedoch langsam, dann kann man ausserhalb der Stosszeiten in den allermeisten Fällen zufahren, ohne anhalten zu müssen.» Trotzdem sei der Kreisel ein Thema, dass seiner Meinung nach noch immer für zu viele Probleme sorge, insbesondere während der Stosszeiten: «Bei grossem Verkehrsaufkommen wäre es wünschenswert, dass ein Reissverschlusssystem zur Anwendung käme.»
Martin Walz räumt auch gleich noch mit einer weit verbreiteten Unwahrheit auf: «Das ist keine Handbremse, sondern eine handbetätigte Stellbremse!» Und es gebe auch Fahrzeuge, die weder Räder noch einen Motor hätten, erklärt Martin Walz: «Ein Pferd ist ein motorloses Fahrzeug. Und darum gilt für es die normalen Vortrittsregeln.»
Andere Zeiten, andere Fahrer
Seit Beginn seiner Tätigkeit als Fahrlehrer vor 40 Jahren habe sich aber auch einiges verändert, meint Martin Walz: «Alles ist hektischer geworden und darum nehmen viele Fahrer heute keine Rücksicht mehr auf andere Verkehrsteilnehmer.»
Die Zeiten hätten sich aber auch als Fahrlehrer geändert. So habe nicht nur die Zahlungsmoral der Fahrschülerinnen und -schüler sehr gelitten, sondern auch die Zuverlässigkeit beim Einhalten von Terminen sei nicht mehr gegeben: «Als Fahrlehrer bist du heute oftmals nur noch der Tubel, der dich abzocken will.» Nichtsdestotrotz gibt Martin Walz sein Bestes, um möglichst vielen Menschen die Strassenverkehrsregeln und korrektes Fahren beizubringen. Er weiss jedoch genau, dass er so niemals alle Menschen erreichen wird: «Jene, die es wirklich angeht, die interessiert eine Weiterbildung sowieso nicht. Aber das sind oft die Unverbesserlichen, die dann irgendwann einen Delinquenten-Kurs absolvieren müssen.»
Verkehrssinn sollte man haben
Das magische Wort, das Martin Walz während der privaten Theorielektion häufig braucht, ist «Verkehrssinn». «Der Verkehrssinn beinhaltet nebst einer grundsätzlichen Orientierung, wo man sich gerade befinde, die Fähigkeit, Situationen richtig einschätzen zu können», sagt der Fahrlehrer. Nur so könne man zum Beispiel wissen, ob man die Maximalgeschwindigkeit ausnutzen könne oder sein Tempo an die herrschenden Gegebenheiten anpassen müsse. Nur so sei es möglich, vorausschauend zu fahren, was gut, aber noch nicht optimal sei: «Ein richtig guter Fahrer geht noch eine Stufe weiter und fährt vorausdenkend.»
Dass es äusserst wenige Verkehrsteilnehmer gebe, die vorausdenken würden und diesen Verkehrssinn hätten, würde er jeden Tag erleben. Doch im Grunde sei es gar nicht so überraschend, meint Martin Walz: «Wir Menschen sind nicht für den heutigen Verkehr geschaffen. Wir sind als Fussgänger geboren und an Langsamverkehr gewöhnt, weshalb auch unsere Aufnahmefähigkeit nicht immer mithalten kann.»
Obwohl Martin Walz an den Fähigkeiten und vor allem am Wissen von vielen Verkehrsteilnehmern zweifelt, glaubt er doch an den Menschen. Genau darum will er auch helfen, unterrichtet Schüler und lädt regelmässig Videos auf seine Webseite, die komplizierte Verkehrssituationen erklären. Und er unterstützt auch seine Tochter Mirjam Eicher, die in seine Fussstapfen getreten und selbst Fahrlehrerin ist, wo es nur geht. Denn trotz aller Versäumnisse ist er auch heute noch überzeugt, dass wir es im Grunde alle können würden: «Der Mensch kann mehr, sehr viel mehr, wenn der Wille und das Wissen vorhanden ist als jedes Hilfssystem im PW.»
www.kurse4you.ch
Von David A. Giger