16.07.2026 00:00
Besuch beim Erfinder der Wanderbuchkunst
Wer schon einmal ein Wanderbuch von Hannes Stricker in der Hand gehalten hat, der wird sich garantiert an dieses erinnern. Denn nicht nur all die vielen praktischen Tipps aus dem Erfahrungsschatz des überzeugten Fussgängers sind von Hand geschrieben, sondern auch die bunten Illustrationen in Aquarelltechnik sprechen eigentlich mehr Kunstliebhaber als passionierte Wanderer an.
Kesswil Schon die Einbände im A5-Format deuten darauf hin, dass im «Verlag am Bach» keine normalen Wanderbücher herausgegeben werden. Denn auf allen Buchdeckeln der in Kesswil entstandenen Bücher ist ein grosses, buntes Aquarellbild zu finden, das jeweils von handschriftlichen Titeln in Grossbuchstaben begleitet wird. Die Lektüre dieser schafft dann auch endgültig Klarheit, dass hier nicht nur ein Künstler seine Werke präsentiert, sondern auch ein Wanderer seine liebsten Wanderungen beschreibt. Denn «Zürich zu Fuss, durch Stadt und Land», «Die schönsten Wanderungen rund um den Bodensee» oder «Sommerwandern im Appenzellerand» sind gewiss keine typischen Titel für Bücher, die sich dem Kunsthandwerk widmen.
Hannes Stricker hat somit nicht nur wunderschön illustrierte, kleine Wanderbücher geschaffen, sondern wohl ein eigenes Genre, das Wandern und Kunst miteinander verbindet. «Anscheinend gibt es tatsächlich nichts Ähnliches», antwortet der Kesswiler darum auf die Frage, wieso er mit seinen 86 Jahren noch immer nicht ans Aufhören denkt und er noch immer die grosse Nachfrage nach aktualisierten Ausgaben zu befriedigen versucht.
Zu Fuss oder mit dem Velo
Angefangen habe die ganze Sache mit seiner Frau, erklärt Hannes Stricker während eines Gesprächs im Verlagshaus am Bach in Kesswil, dass zugleich sein Zuhause ist. Diese habe vor rund 30 Jahren angefangen für Pro Senectute Velotouren anzubieten. «Ich habe dafür extra verschiedene Kurse besucht. Unter anderem auch einen übers Veloflicken – doch das kann ich heute noch nicht», ergänzt Lisbeth Stricker, die das Gespräch aus der Küche mitverfolgt hat. Die Kurse seien immer gut besucht gewesen, weshalb viele Teilnehmer traurig waren, wenn das Winterhalbjahr anbrach: «Und so kam es, dass ich erstmals eine Winterwanderung ins Angebot aufnahm und dabei Unterstützung von meinem Mann erhielt.»
Diese Unterstützung mündete dann schliesslich im ersten einzigartigen Wanderbuch, das Hannes Strickers Handschrift trägt und diese auch beinhaltet. Seither sind ganz viele neue entstanden – und immer wieder werden auch Neuauflagen herausgegeben, wie zum Beispiel diese Woche: «Ich habe drei Wanderbücher überarbeitet und teilweise ergänzt. Und dank der Hilfe meines Sohnes Benjamin verweisen jetzt einige Tipps auch auf informative Apps und nützliche Webseiten.»
In der Natur
Der Grund für die technische Ergänzung wird im neuen Nachwort zum Wallis-Wanderbuch mitgeteilt: «Der Alpenraum in der Schweiz, besonders die höher gelegenen Gebiete, sind besonders stark betroffen von den Auswirkungen der Klimaerwärmung, zum Beispiel durch Murgänge und abrutschende Hänge, durch Überschwemmungen, Stürme, Steinschlag oder vermehrte Trockenheit mit Waldbrandgefahr. Viele Gefahrenherde werden heute exakt überwacht, beachten Sie deshalb die Warnungen und Verbote der Behörden.»
Doch Tipps zu speziellen Naturereignissen sind nichts Neues in den Wanderbüchern von Hannes Stricker. So werden zum Beispiel in jenem für Schaffhausen und das Zürcher Weinland Standorte von seltenen Blumen und deren Blütezeit aufgelistet. «Für Naturbeobachtungen ist meine Frau zuständig. Da wäre ich selbst niemals darauf gekommen», erklärt Hannes Stricker. Und dies, obwohl er selbst viele Jahre für die Grünen im Kantonsrat vertreten war und er auch sonst sehr naturverbunden ist: «Wir haben kein Auto. Darum sind wir immer zu Fuss, mit dem Velo oder dem ÖV unterwegs.»
Die Betonung liegt hier jedoch definitiv auf dem «zu Fuss», denn so viele Tausend Kilometer, wie der 86-Jährige schon in den Beinen hat, dürften nicht viele andere Zeitgenossen haben: «Ich habe den Jakobsweg schon dreimal gemacht – einmal mit meiner Frau Lisbeth, einmal mit meiner Tochter Regula und ihrem Hund Miro und einmal alleine.» Jedes Mal sei es etwas Besonderes gewesen, denn jedes Mal habe man die Bekanntschaft mit neuen Seiten von sich selbst und neuen Menschen machen dürfen: «Du kommst nirgendwo sonst so in Kontakt mit unterschiedlichen Menschen, wie auf dem Pilgerweg. Da gibt es auch viele Freigeister, Atheisten und Vertreter von allen möglichen Religionen.» Und da stimmt ihm auch seine Frau Lisbeth zu, die mittlerweile ebenfalls am Tisch Platz genommen hat und das riesige Erinnerungsbuch an den Jakobsweg studiert: «Denn auch wir sind absolut nicht katholisch.»
Viele dieser Erinnerungen und Erfahrungen sind im Büchlein «Pilgern bringt's» nachzulesen, das allenfalls bald auch eine Neuauflage erhält. Doch darüber wird das Ehepaar Stricker noch etwas diskutieren müssen, denn besteht noch Uneinigkeit darüber, wann der ideale Zeitpunkt zum Aufhören gekommen ist. Einen Tipp möchte Hannes Stricker jedoch auch hier allen potenziellen Pilgern mit auf den Weg geben: «Wenn du den Pilgerweg laufen willst, dann geh im Frühling.»
Rosinenpickerei
Was die Wanderbücher von Hannes Stricker so beliebt macht, ist jedoch nicht nur die liebevolle Gestaltung, sondern auch die ganz persönlichen Tipps: «Was ich mache, ist Rosinenpickerei. Denn viele Touristen-Infos drücken sich darum, nur ihre Hits zu nennen, und veröffentlichen darum einfach das ganze Angebot.» Nicht so Hannes Stricker. Denn die empfohlenen Wanderungen sind jeweils ein Best-of von all jenen Wanderungen, die er selbst schon in Angriff genommen hat.
Eine Frage, die für den Autor dieser Zeilen unbeantwortet bleibt, ist jene des Gebrauchsortes der Wanderbücher von Hannes Stricker. Denn diese kommen so schön daher und wirken so wertig, dass es fast respektlos erscheint, sich diese im Rucksack zwischen Thermoskanne, Cervelats und Studentenfutter vorzustellen. Doch Hannes Stricker scheint auch in seinen speziellen Wanderführern diese Liebhaber von Kunsthandwerk zu berücksichtigen. Denn nebst schönen Panoramen, Spuren von Wasser, einigen historischen oder modernen Sehenswürdigkeiten und eindrücklichen Naturwundern gibt es eine ganz bestimmte Voraussetzung für die Aufnahme einer Wanderung in eines seiner Bücher. Und diese vermag auch dieses Problem zu lösen: «Zu einer schönen Wanderung gehört auch das Einkehren in einer Beiz. Darum muss es auf jeder Wanderung mindestens eine oder zwei gute Beizen haben, damit sie von mir weiterempfohlen wird.»
www.verlagambach.ch
Von David A. Giger