28.05.2026 11:33
Ein Vereinszentrum fürs Gemeinwohl
Im Bischofszeller Bleiche-Quartier, unweit der Sitterbrücke und direkt am Fluss, stehen seit bald 30 Jahren 18 Container neben- und aufeinander. Die 3,51 mal 12 Meter grossen Elementbau-Teile sind vielerorts als Provisorium vorgesehen, nicht so in der Bleiche, erzählt Peter Mittelholzer, der sich seit dem Anfang aktiv für das Vereinszentrum engagiert.
Bischofszell Vor rund 30 Jahren organisierte die Stadt Bischofszell ihren Werkhof neu und machte aus vielen in der Gemeinde verteilten Standorten einen zentralen an der Fabrikstrasse. Im Zuge dieser Umstrukturierung wurde in der Bleiche eine Parzelle frei, was einige Bischofszellerinnen und Bischofszeller auf eine Idee brachte, unter ihnen unter anderem Thomas Weingart und eben Peter Mittelholzer: «Damals begann die Planung für ein Bischofszeller Vereinszentrum. Der Spatenstich erfolgte schliesslich am 5. April 1997 und am 2. Mai 1998 durften wir die Eröffnung feiern.»
Damals habe vieles einfach zusammengespielt, denn man konnte nicht nur das der Stadt gehörende Gelände im Baurecht bis ins Jahr 2050 erwerben, sondern habe aus dem Nachbardorf auch gleich noch das nötige Gebäude erhalten, erinnert sich Peter Mittelholzer: «Wir haben die Container dank des Einsatzes vom damaligen Stadtpräsidenten Bernhard Koch günstig von der Reha Zihlschlacht erstehen können.» Doch die Unterstützung habe dort noch längst nicht aufgehört, denn nicht nur der ganze Stadtrat sei hinter dem Kauf und dem Bau des Vereinszentrums gestanden, sondern auch die Bischofszeller Bevölkerung: «Über 8000 Frondienststunden wurden damals geleistet. Es gab viele Menschen, die beim Umzug gekrampft haben wie Tiere.»
Brandschutz kostet
Das Vereinszentrum ist heute nicht mehr aus Bischofszell wegzudenken. Es ist das Zuhause der Pfadi und der Stadtmusik, zudem beheimatet es eine Spielgruppe und Perspektive Thurgau. Doch vor allem dient es auch für auswärtige Besucher als Lagerhaus, denn ein grosser Aufenthaltsraum, sieben 8-Betten-Zimmer und ein grosses, eingezäuntes Gelände machen es ideal für diesen Zweck: «Wir stellen jedes Jahr rund 50 Mietverträge aus, was insgesamt rund 3500 Übernachtungen entspricht. Diese Aufgabe ist Sabrina Weingart anvertraut.»
Insbesondere der Brandschutz sei bei einer solch grossen und viel genutzten Liegenschaft ein Thema, das viel Aufmerksamkeit und dementsprechend viele finanzielle Mittel benötige: «Wir mussten vor allem wegen des Brandschutzes mehrere Renovationsarbeiten durchführen. Denn wir müssen die gleichen Anforderungen erfüllen, die an einen Hotelbetrieb gestellt werden.»
Doch nicht nur das Aufrüsten des Brandschutzes kostet einen Batzen Geld, sondern auch der Betrieb selbst verursacht fixe Kosten von rund 35'000 Franken im Jahr. Glücklicherweise könne man jedoch schon seit 30 Jahren auf die Grosszügigkeit der Stadt und des regionalen Gewerbes zählen: «Wir konnten immer viel von lokalen Firmen profitieren. Denn das Gewerbe war immer auf unserer Seite.»
Und da er selbst lange Leiter eines Baugeschäfts gewesen sei, könne er auch auf ein grosses Netzwerk an Bekanntschaften zurückgreifen. Vieles habe man «gratis und franko» erhalten, wie zum Beispiel die Radiatoren im gesamten Gebäude. Diese seien einmal in der EMPA in St.Gallen gehangen. «Ich sage den Gönnern jeweils, dass wir den Gewinn nicht vergolden, aber dass wir ihnen Sympathien zukommen lassen können.»
Das Konzept scheint zu funktionieren. Und dies auch im zweiten Stock, wo für ihn als passionierter Musiker, der in der Stadtmusik Bischofszell die «Tuba in Es» spielt, das «Highlight» des Vereinszentrums liege: «Unser Probelokal ist 170 Quadratmeter gross – und da sind die Zimmer für die Aufbewahrung von Noten und Instrumenten nicht miteingerechnet!»
Es geht nur mit Unterstützung
Wer das Vereinszentrum Bleiche an wunderschöner Lage am Ufer der Sitter einmal selbst in Augenschein nehmen will, der hat am Samstag, 6. Juni, Gelegenheit dazu. Am Tag der offenen Tür werden die Mitglieder der eingemieteten Vereine und viele freiwillige Helferinnen und Helfer auch für Unterhaltung und das leibliche Wohl sorgen. Denn im Vereinszentrum ist die gegenseitige Unterstützung fast schon eine Selbstverständlichkeit. «Wir sind immer auf Unterstützung angewiesen. Denn Betrieb und Unterhalt könntest du ansonsten kaum allein stemmen.» Obwohl man sehr dankbar für all die Gönner und Unterstützerinnen sei, die sich schon für das Vereinszentrum engagiert hätten, sei man weiterhin auf der Suche nach guten Seelen, die ihre Grosszügigkeit sinnvoll ausleben wollen, so Peter Mittelholzer: «Wer sich in irgendeiner Form für das Vereinszentrum engagieren will, der ist herzlich willkommen. Denn wir haben noch viele Schulden und müssen diese bis ins Jahr 2050 tilgen.»
Dass sich auch Peter Mittelholzer weiterhin mit vollem Einsatz für das Vereinszentrum Bleiche einsetzen wird, steht ausser Frage. «Ich bin zwar pensioniert, aber mach halt doch immer noch zu viel», meint er dazu. Doch man merkt schnell, dass er gar nicht anders kann, dass bei dieser Tätigkeit nicht Überlegungen, sondern andere Kräfte wirken. Als er zum Beispiel den Ordner durchblättert, in dem er fein säuberlich alle wichtigen Unterlagen zum Vereinszentrum niedergelegt hat, wird ersichtlich, wieso dies so ist: «Für mich ist es Heimweh, was ich hier anschaue. Darum komme ich auch immer so ins Schwärmen.» Und wegen dieser Leidenschaft für das Vereinszentrum, für einen Ort, an dem das Gemeinwohl stets im Vordergrund steht, wo gemeinsam angepackt wird und Musikerinnen, Pfadfinder und Spielgruppenkinder in Harmonie miteinander weilen, wird Peter Mittelholzer weiterhin Frondienst aus Überzeugung leisten: «Ich investiere hier keine Stunden, sondern nur Herzblut.»
Von David A. Giger