Louise Baumgartner hat ihr Atelier so eingerichtet, dass Kreativschübe möglichst umgehend ausgelebt werden können. ⋌dag
27.08.2026 06:53
Farbtupfer für Papiermaschine
Louise Baumgartner wird diesen Sonntag, 30. August um 17 Uhr eine besondere Kunstausstellung eröffnen. Obwohl es für die Hauptwiler Künstlerin nicht die erste Solo-Ausstellung ist, war sie noch nie mit einer solchen Herausforderung konfrontiert. Denn die Papiermaschine PM1 mit Farbtupfern zu versehen, ist nur schon wegen ihrer Grösse anspruchsvoll.
Hauptwil Als Louise Baumgartner von Christoph à Wengen, dem Vereinspräsidenten der historischen Papiermaschine, gefragt wurde, ob sie die PM1 mit etwas Farbe «beleben» könne, überlegte sie nicht lange. Dass es sich bei der PM1 um ein 37 Meter langes und 223 Tonnen schweres Industrie-Ungetüm handelte, wusste sie bei der Zusage jedoch noch nicht: «Ich habe mich spontan auf die Herausforderung eingelassen, ohne zu wissen, was überhaupt auf mich zukommt.»
Kreationsdrang kennt keine Altersbeschränkung
Wenn Louise Baumgartner sich in ihr grosses Studio im Untergeschoss des Einfamilienhauses in Hauptwil zurückzieht, dann öffnet sich ihr eine neue, fast grenzenlose Welt. Denn Kunstschaffen ist für die 84-Jährige noch immer vor allem eines: Das Ausleben des inneren Drangs, der nichts anderes kennt, als die Kreation seiner Ansicht von Schönheit.
Louise Baumgartner in ihrem Studio Gesellschaft zu leisten, ist ein Erlebnis. Auch wenn man den sprachlichen Ausführungen und Erklärungen keine Aufmerksamkeit schenken würde, wird einem unweigerlich vor Augen geführt, dass sich hier eine Frau in ihrem Element bewegt. Solch unbeschwerte Begeisterung an den Tag zu legen ist an und für sich nichts Unbekanntes, kennen wir es doch vom Fussballplatz, Schwimmbad oder anderen Spielplätzen, wo Kinder sich ungeniert austoben können. Doch Gleiches in Wort und Gestik in einem Menschen zu sehen, der solche Orte des Spielens wohl seit Jahrzehnten nicht mehr besucht hat, ist faszinierend. «Die Kunst schenkt mir Lebenskraft. Ich bin darum richtig stolz, wenn ich sehe, zu was ich als 84-Jährige noch fähig bin», erklärt sich Louise Baumgartner.
Eine prägende Kindheit
«Es war Gottesfügung. Ich wusste schon damals, dass ich etwas machen muss», meint Louise Baumgartner, nachdem sie ein Kapitel ihrer Kindheit teilte, das prägend für ihr weiteres Leben war. Sie sei gebürtige Österreicherin und in Bad Mitterndorf im Salzkammergut aufgewachsen. Als sie noch ganz klein war, habe sie über Nacht das Augenlicht verloren. Obwohl ihre Mutter viele Augenärzte um Rat gefragt hatte, habe schliesslich nur ein aus Wien geflüchteter Jude eine Behandlung vorgeschlagen. «Meine Mutter Maria hat mir Kamillenwickel gemacht, die so heiss waren, dass ich sie gerade noch ertragen konnte. Darum hatte ich dann lange keine Wimpern und keine Brauen mehr», erzählt Louise Baumgartner. Doch die Behandlung beinhaltete noch einen zweiten, brutaleren Teil: «Drei Erwachsene mussten mich auf dem Küchentisch festhalten, damit der Augenarzt meine Augenäpfel mit einer speziellen Zange behandeln konnte.»
Sie habe nur wenige Erinnerungen an die Geschehnisse von damals, da sie nur gerade drei Jahre alt gewesen sei. Doch ihre Mutter habe ihr später viel von diesem Kapitel in ihrem Leben erzählt, denn wie durch ein Wunder seien ihre Geschwüre beim Sehnerv nach einer Weile aufgebrochen, ohne ihre Sehnerven zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Dass dies die Ursache ihrer vorübergehenden Blindheit als Kind war, weiss die Künstlerin jedoch erst seit Kurzem: «Als ich vor einiger Zeit den Grauen Star operieren musste, war der Augenarzt erstaunt darüber, dass ich mit so viel Narben auf den Sehnerven überhaupt sehen kann.»
Doch dies war nicht das einzige Kapitel, dass ihre frühe Kindheit und ihr weiteres Leben prägte. Denn 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg in Österreich aufzuwachsen, war kein Zuckerschlecken. «Mein Vater musste 1945 in die Armee einrücken. Er ist nicht zurückgekehrt und wir haben 15 Jahre auf ihn gewartet», erzählt Louise Baumgartner. Und da niemals in Erfahrung gebracht werden konnte, welches Schicksal ihren Vater ereilt hatte, habe er viele Jahre lang als vermisst gegolten: «Und in Österreich gab es in solchen Fällen keine Witwenrente, keine staatliche Unterstützung.»
Da die Familie jedoch einen Bauernhof hatte und sie zu grossen Teilen Selbstversorger war, habe ihre Mutter Maria fünf Kinder alleine grossgezogen: «Sie war eine Wahnsinnsfrau. Denn trotz allem schaffte sie es, dass wir uns geliebt fühlten.»
Eine oft unbewusste Tätigkeit
Sieht Louise Baumgartner aufgrund dieser Krankheit im Kindesalter die Welt seither mit anderen Augen? Ist ihr Blick deshalb mehr nach innen gerichtet, als er es bei Menschen mit ganz gesunden Augen ist? – Alles Fragen, die auch Louise Baumgartner beschäftigen, sie aber nicht endgültig beantworten kann. Klar ist jedoch, dass dieses Kapitel und weitere ihr Leben und Schaffen geprägt haben. Zum Beispiel jenes Kapitel, als sie nach der Trennung von ihrem ersten Mann als alleinerziehende Mutter von drei Kindern die Kunstschule in Zürich besuchte. Oder jenes, als sie ihren zweiten Mann, ihren Emil kennenlernte, mit dem sie ein weiteres Kind hatte. «Ich bin so dankbar für die Möglichkeit, meinen Schöpfungsdrang ausleben zu können. Denn mein Mann Emil hat mich einfach immer machen lassen», sagt Louise Baumgartner. Und dies hat er wohl getan, weil er die Bedeutung des Kunstschaffens für ihr Wohlbefinden einzuschätzen vermag: «Wenn ich hier unten im Atelier bin, dann weiss er, dass er mich in Ruhe lassen muss.»
Dieses «Alleingelassenwerden», dieses bewusst gesuchte Alleinsein, ist nämlich etwas Wesentliches für das Schaffen von Louise Baumgartner: «Ich kann auch mit anderen Menschen zusammen etwas basteln. Doch die Quelle, die mich schaffen und kreieren lässt, ist nur dann zugänglich, wenn ich alleine bin.» Je nach Stimmung und Art der gestellten Arbeit, entstehen so ihre Kunstwerke, deren Bandbreite keine Grenzen gesetzt sind. Eine Schachtel voll Papier, das einst von der PM1 produziert wurde, stand zum Beispiel am Anfang ihrer Werke für die kommende Ausstellung. Und so kann ein Stück Papier oder aber auch nur ein Strich mit dem Bleistift die Inspiration für ein neues Werk geben: «Weil vieles ganz unbewusst passiert, hatte ich keine Ahnung, wie's herauskommt. Doch wenn man etwas Neues schaffen will, dann muss man immer bereit sein, sich selbst überraschen zu lassen.»
Auch ohne Augen sehen
Louise Baumgartner freut sich riesig darauf, die Papiermaschine PM1 mit ihren Werken zu verzieren. Wie genau dies geschehen wird, werde sich dann erst vor Ort zeigen. «Es klappt immer. Bisher habe ich immer noch alles rechtzeitig fertig gekriegt, auch wenn es oft nicht danach aussah», sagt die Künstlerin zuversichtlich. Dass trotz ihres langjährigen Kunstschaffens und vieler Erfahrungen mit Ausstellungen, eine gewisse Routine ihr Handeln bestimmen wird, lässt sie trotzdem nicht zu – wohl spielt aber auch das Lampenfieber etwas mit: «Ich bin eigentlich eine 'Schnädertante'. Doch an der Ausstellung werde ich kein Wort rausbringen.»
Der Fokus der Künstlerin liegt nun ganz darauf, die PM1 mit ihren Farbtupfern zu «beleben». Was bereits entstanden ist, interessiert die Künstlerin immer viel weniger als das, was gerade in der Entstehung ist. Denn Kreieren ist ein Tätigkeitswort und kein Nomen. «Emil meint, dass ich noch nie so viel für eine Ausstellung gearbeitet habe», sagt Louise Baumgartner. Selbst kann sie dies nicht gut einschätzen, da sie oft während ihrer Arbeit im Atelier einfach im Moment ist und dadurch die Zeit komplett vergisst.
Ohne Zweifel wird Louise Baumgartner am Sonntag aber eine spannende Ausstellung eröffnen. Denn wer viel erlebt hat, der hat auch viel zu erzählen. Was für Konversationen unter Menschen gilt, hat wohl noch mehr Gültigkeit für Konversationen zwischen Kunst und Menschen. Denn die Tiefe eines Werkes lässt sich nicht einfach mit präzisen Details, kräftigen Schattierungen und bestimmten Perspektiven schaffen, sondern sie entsteht erst dann, wenn das Unsichtbare sichtbar gemacht wird, wenn die Botschaft der Schöpfung zu erahnen ist. Und genau diese Erkenntnis hat Louise Baumgartner verinnerlicht: «Jetzt sitze ich hier, schaue mir die Werke an und frage mich, ob ich das wirklich alles selbst gemacht habe.»
Von David A. Giger