27.08.2026 06:58
Gesellig ist's an langen Tafeln
Wer schon selbst einmal eine Tavolata erlebt hat, der weiss, dass das Exportgut unseres südlichen Nachbarn nicht ohne Grund so viele Anhänger hat. Denn die Tafelrunde an einem grossen Tisch zelebriert nicht nur das Teilen, sondern lässt die Geselligkeit auch auf unkomplizierte und alle einschliessende Art aufleben.
Buckackern Eine Tavolata mit fast 100 Gedecken im Freien, eingebettet zwischen Rebberg und Nussbaumhain, dezente Live-Musik im Hintergrund und eine Gemeinschaft von vielen kleinen Gruppen, die sich mit regionalen Leckereien und Weinen verwöhnen lässt, deren Trauben einst vor Ort gewachsen sind. Was sich anhört wie die Beschreibung eines Agrotourismus-Angebots in der Toskana, ist in Tat und Wahrheit eine exakte Beschreibung der Tavolata auf dem Weingut Türmliwy in Buchackern, die am vergangenen Samstag das erste Mal über die Bühne ging.
Auch wenn die von der Anhöhe sichtbaren Felder in ihren verschiedenen Brauntönen ebenfalls an italienische Ebenen erinnerten, fehlten doch Meersicht und salzige Brise. Doch selbst diesen Makel konnten die frische Luft und die Aussicht zwischen den mit reifen Trauben gefüllten Reben hindurch auf einen von Wolken umrahmten Alpstein für einmal vergessen machen. Von einem Idyll in der Natur zu sprechen ist darum nicht nur passend, sondern sogar angebracht.
Viel Herzblut dahinter
Idyllisch war jedoch nicht nur die Örtlichkeit und das Ambiente der Tavolata, sondern auch die Stimmung. Massgeblich dazu bei trugen sicherlich die verschiedenen ausgeschenkten Weine, die alle aus Trauben gewonnen wurden, die einst auf den Rebbergen von Türmliwy heranwuchsen. Petra Stoios, die Inhaberin von Weinfach und Mitorganisatorin des Events, machte auch schon bei der Begrüssung der Gäste klar, dass es an einer Tavolata kein «Müssen» gebe: «Wir erzählen Euch dann auch etwas über den Wein. Wer zuhören will, soll dies tun, doch es ist kein Muss, denn wir sind hier schliesslich nicht in der Schule.» Und auch das Wetter spielte mit, was für Hausherr Daniel Löpfe keine Überraschung war: «Wir wissen seit Donnerstag, dass wir die Tavolata draussen und nicht in der Scheune machen können.» Die Zuversicht des Winzers, dass es trocken bleiben würde, kommt nicht von ungefähr. Denn insbesondere fürs Wimmen ist er es sich gewohnt, sich Wetterprognosen durch drei verschiedene Modelle geben zu lassen.
Nach einem Apéro im Hof des Weinguts ging es schliesslich bergauf in den Rebberg. Auf dem kurzen Fussmarsch zur langen Tafel wurde einem schon bewusst, dass sich hier jemand richtig Mühe gegeben hat und einen langen Abend erwartete. Denn in Einmachgläsern bereitgestellte Teelichter alle paar Meter waren zu dieser Tageszeit noch von keinem Nutzen.
Der Eindruck täuschte nicht, denn was die 96 Gäste zwischen Rebberg und Nussbaumhain erwartete, war grosses Open Air Kino: Bunt und liebevoll gedeckte Tische, leckere Spezialitäten von regionalen Produzenten und dazu wunderbare Livemusik von Kevin Staffa. Und auch von kleinen organisatorischen Herausforderungen liessen sich die Veranstalter zu keinem Moment aus der Ruhe bringen. «Erst wenn der Hauptgang draussen ist, können wir Kaffee offerieren. Denn wir haben nicht genügend Strom hier oben, um alle Geräte gleichzeitig einzuschalten», sagte Hausherrin Ulrike Egner.
Wie ein Erntedankfest
Die Reben direkt neben der Tavolata trugen auch noch schöne, reife Trauben – was eigentlich für diese Jahreszeit zu erwarten ist, jedoch nicht mehr auf dem ganzen Rebberg der Fall war, wie Daniel Löpfe erklärte: «Wir haben am 18. August bereits die Solaris-Trauben geerntet. Das ist 20 bis 25 Tage früher als in einem gewöhnlichen Jahr. Doch was ist noch ein gewöhnliches Jahr?» Geerntet mussten die Trauben jedoch nicht etwa werden, weil sie zu stark unter der Hitze und Trockenheit litten, sondern ganz im Gegenteil: «Wir haben tiefgründige Böden und mussten nur die ganz jungen Reben tränken. Doch der Zuckergehalt der Trauben war mit 105 Grad Oechsle schon so hoch, dass wir handeln mussten.»
Und da auch die Qualität der Trauben und der Ertrag stimme, darf man zuversichtlich sein, dass auch an der nächsten Tavolata im Rebberg von Türmliwy guter – wenn nicht sogar besonders guter – Wein aufgetischt werden wird, glaubt Daniel Löpfe: «Wir hatten diesen Sommer ein Klima wie in Mittelitalien. Die Voraussetzungen für guten Wein sind also gegeben.»
Von David A. Giger