03.09.2026 11:27
Künstlerkolonie auf Zeit
Ende August verwandelt sich Uttwil jeweils für eine Woche von einer 2000-Seelengemeinde zu einer Künstlerkolonie. Obwohl die Uttwiler Meisterkurse ihre Premiere erst im Jahr 2008 feierten, kann das Treffen von begnadeten Meistermusikerinnen und -musikern und Nachwuchstalenten auf eine lange Tradition zurückblicken.
Uttwil Dass vergangene Woche bereits zum 17. Mal Meister eines Musikinstruments nach Uttwil reisten, um Nachwuchstalenten an traumhafter Lage am See Lektionen zu geben, kommt nicht von ungefähr. Denn Uttwil zieht schon lange Kunstschaffende an, insbesondere Musiker, aber auch Schriftsteller und Maler, weiss Organisatorin Margrit Stickelberger: «Es ist eine Tradition, die weit zurückgeht. Denn hier in Uttwil gab es immer schon Künstlerkolonien, da der Ort eine spezielle Ausstrahlung hat.»
Ein Idyll mit kultureller und sozialer Note
Die Uttwiler Meisterkurse sind etwas ganz Spezielles. Während sich Einwohnerinnen und Einwohner des Dorfes sowie die geladenen Gäste dessen absolut bewusst sind, sieht die Sache ausserhalb der Kreise der Fans der klassischen Musik jedoch ganz anders aus. Zumindest bisher scheint dies der Fall gewesen zu sein.
Dass die Uttwiler Meisterkurse trotz ihrer 17. Ausführung für viele Normalbürger noch kein Begriff ist, erlebt Margrit Stickelberger immer wieder, wenn sie vor der Seeburg in Uttwil von Velofahrerinnen oder Spaziergängern auf die aufgestellten Schilder angesprochen wird. «Oft werde ich gefragt, was denn das genau für Meisterkurse sind und ob hier eine Fortbildung für Schreiner oder andere Handwerker stattfinde», meint die Initiantin und Organisatorin der Veranstaltung.
Obwohl die Uttwiler Meisterkurse in
der Szene den Ruf haben, für Spitzenleistungen und Exzellenz zu sorgen, sei ein Grossteil der Bevölkerung einfach nicht informiert über die Veranstaltung – und dies ohne eigenes Verschulden. «Hier im Thurgau wird man nicht verwöhnt mit Zeitungsartikeln», meint Margrit Stickelberger, relativiert aber gleich ein wenig: «Aber die Kulturteile schrumpfen ja nicht nur bei den wenigen Zeitungen, die wir im Kanton noch haben, sondern allgemein.»
Anerkennung für grossen Einsatz
Ganz unbemerkt sind die Uttwiler Meisterkurse jedoch nicht geblieben, denn am Eröffnungskonzert der diesjährigen Ausgabe wurde Margrit Stickelberger vom Rotary Club Oberthurgau mit dem 7500 Franken dotierten Kulturpreis ausgezeichnet. «Es ist unendlich schön, wenn man lange Jahre viel in eine Sache investiert und dann plötzlich von aussen solche Wertschätzung erfährt», sagt Margrit Stickelberger. Und die Wertschätzung kam nicht nur vom Rotary Club Oberthurgau, der nach dem Open Air Bischofszell nun auch die Uttwiler Meisterkurse auszeichnete. Denn die Reformierte Kirche in Uttwil erlebte bei der ins Eröffnungskonzert der drei geladenen Meistermusiker integrierten Preisübergabe etwas, das wohl schon lange nicht mehr der Fall gewesen ist. «Ich habe die Kirche noch nie so voll gesehen. Pfarrer Christian Herbst hat selbst noch geholfen, vor der ersten Bankreihe zusätzlich Stühle aufzustellen», erinnert sich Margrit Stickelberger. Und obwohl sie in den auf die Auszeichnung folgenden Tagen so oft öffentlich angesprochen wurde wie noch nie, glaubt die Initiantin und Organisatorin der Veranstaltung doch, dass der Hauptgrund für den grossen Besucherandrang nicht die Auszeichnung, sondern das dargebotene Programm war: «Es ist einfach gute Musik.»
Lektionen bei Meistern
An den Uttwiler Meisterkursen nehmen jeweils 18 talentierte Nachwuchsmusikerinnen und -musiker teil. An sechs aufeinanderfolgenden Tagen erhalten jeweils sechs von ihnen eine einstündige Lektion bei einem Meister auf einem von drei Instrumenten: Am Klavier ist dies Benjamin Moser, an der Violine Liza Ferschtman und am Violoncello Wen-Sinn Yang. Untergebracht sind alle Studentinnen und Studenten bei Familien in der näheren Umgebung. So auch die 18-jährige Cellistin Ruoxi aus Peking, die einen kurzen Fussmarsch vom Probelokal logiert. Denn dort ist Brigitte Kaufmann zu Hause, die für die Organisation des Rotary-Kulturpreis verantwortlich ist und die sich zusammen mit ihrem Mann seit Langem unter anderem als Gasteltern für die Uttwiler Meisterkurse engagieren. «Es ist jedes Mal eine neue Erfahrung für uns. Denn manche Studenten sind ganz offen und selbständig, während andere wiederum schüchtern sind und sich lieber in ihr Zimmer zurückziehen», erzählt Brigitte Kaufmann, bevor sie Ruoxi bittet, auch am Esszimmertisch Platz zu nehmen. Und obwohl die 18-jährige Cellistin aus China tatsächlich zuerst etwas schüchtern wirkt und trotz ihrer passablen Deutschkenntnisse lieber auf Englisch kommuniziert, blüht sie im Gespräch bald auf, als sie von ihrer Leidenschaft erzählt. «Ich habe mit fünf Jahren angefangen Cello zu spielen. Der Bruder meines Grossvaters spielte Cello und er konnte mich für das Instrument begeistern», erzählt Ruoxi. Doch Cello sei nicht etwa ihr erstes Instrument gewesen, denn bereits mit drei Jahren habe sie mit Klavierspielen begonnen und kannte daher schon viel Theorie – auch wenn dies noch immer nicht ihre Stärke sei: «Ich weiss immer noch nicht so viel über die Theorie und Geschichte der Musik wie andere Studenten. Denn mich interessiert vor allem das Spielen.»
Insbesondere tschechische Komponisten wie Dvorák, Smetana und Popper hätten es ihr angetan, da diese Musik komponiert hätten, die den Stolz auf ihr Vaterland auszudrücken vermochten. «Solche Musik zu spielen, vermittelt auch mir ein Heimatgefühl. Denn auch die chinesische Musik bedient sich der Pentatonik als Tonleiter.» Doch während es Parallelen beim Gebrauch von nur fünf Tönen pro Oktave gebe, sei das Cello ein doch eher ungewöhnliches Instrument in China: «Wir haben unsere eigenen Instrumente. Und obwohl das 'Gehu' dem Cello ähnlich ist, kann ich es doch nicht spielen.»
Dass Ruoxi dafür weiss, wie man mit einem Cello umgeht, zeigt sie wenig später im Hause Syz, wo der Meister Wen-Sinn Yang seine Lektionen abhält. Begleitet vom Piano und geleitet vom Cellobogen des Meisters scheint es, dass die junge Chinesin bald in eine Welt entschwindet, in der es nur noch Musik gibt. Mit geschlossenen Augen und auf wenige Kopfbewegungen reduzierte Gestik lässt sie Töne erklingen, die so harmonisch und schön sind, dass man fast nicht glauben will, dass sie von einem einzigen Instrument erzeugt wurden. Und es sind wohl genau solche Momente, an die Ruoxi dachte, als sie die Sache beschrieb, die ihr am Cellospielen am meisten Freude mache: «Ich liebe das Gefühl, wenn ich richtig konzentriert bin.»
Ein eigener Kosmos
Die Uttwiler Meisterkurse haben den Studentinnen und Studenten jedoch noch viel mehr zu bieten als Lektionen bei Meistern ihres Fachs. Denn sie erhalten auch eine Karriereberatung und allenfalls sogar die Möglichkeit, als Solisten mit einem professionellen Sinfonieorchester – der Bodensee Philharmonie – aufzutreten. Doch nicht nur für die jungen Musikerinnen und Musiker ist der einwöchige Aufenthalt im idyllischen Dorf am Bodensee etwas Spezielles, sondern auch für die Veranstalter. «Es funktioniert nur, weil viele Menschen aus dem Dorf und der Umgebung helfen. Denn ganz viele tun irgendetwas – sie kochen, sie spenden Geld oder sie werden Gasteltern für die Musikerinnen und Musiker», erklärt Margrit Stickelberger.
Die Uttwiler Meisterkurse seien darum eine Symbiose von kulturellen und sozialen Noten, etwas extrem Bereicherndes. Denn das Engagement mit Herzblut der vielen Menschen habe dazu geführt, dass die Uttwiler Meisterkurse zu weit mehr als einer wiederkehrenden, einwöchigen Veranstaltung geworden sind, ist Brigitte Kaufmann überzeugt: «Es ist ein soziales Gewebe entstanden, das alles trägt. Und darum fühlt man sich als Teil des Ganzen.»
www.meisterkurse-uttwil.ch
Von David A. Giger