13.08.2026 06:54
Lieber fünf Jahre später als nie
Der Turnverein Bischofszell wird vom 20. bis 23. August ein grosses Fest auf dem Obertor-Platz feiern. Die Vorbereitungen auf den mehrtägigen Jubiläumsanlass laufen schon seit gut zehn Jahren. Denn 155 Jahre Bestehen zu feiern ist nicht etwa eine neue Mode, sondern eine pragmatische Antwort auf die Corona-Pandemie.
Bischofszell Das Jahr 1871 war ein Jahr der Umbrüche für Europa. Mit dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges gewannen bürgerliche Werte und Nationalstaaten stark an Bedeutung. Und auch im noch jungen Bundesstaat läutete nach Meinung vieler Historiker die Geburtsstunde einer identitätsstiftenden Bewegung, nämlich jener der humanitären Schweiz. «In diesem gesellschaftlichen Klima entwickelte sich ein ausgeprägt starkes bürgerliches Vereinsleben. Turn-, Schützen- und Gesangsvereine wurden zu Trägern von Gemeinschaftssinn, staatsbürgerlicher Verantwortung und nationaler Erziehung», heisst es in der von Karin Keller verfassten Festschrift zum 155-Jahr-Jubiläum.
Und genau in diesem Jahr spannten neun engagierte Männer in Bischofszell zusammen und gründeten am Sonntag, 5. November 1971, einen Verein, der den Geist dieser Epoche widerspiegelte. «Turnen galt damals als Ausdruck von Wehrhaftigkeit, Gesundheit und Charakterbildung, als patriotische, staatsbürgerliche und zugleich moderne Betätigung. Körperliche Ertüchtigung, Gemeinschaft und Verantwortung gegenüber Staat und Gesellschaft standen im Mittelpunkt», steht in der Chronik weiter geschrieben.
Werte, die bleiben
Auch jetzt, 155 Jahre nach der Gründung des Turnvereins Bischofszell, sind diese traditionellen Werte aus dem späten 19. Jahrhundert noch längst nicht vergessen. Einzig die Formulierung unterscheidet sich wohl ein bisschen, wie im Festführer-Grusswort von OK-Präsident Rinaldo Monn nachzulesen ist: «Was 1871 mit neun Männern begann, ist heute ein lebendiger Verein mit tiefer Verwurzelung in Bischofszell. Die Freude an der Begegnung, die Kameradschaft und das ehrenamtliche Engagement bilden damals wie heute das Fundament des Turnvereins Bischofszell.»
Im Gespräch tönt es dann nochmals etwas anders, denn insbesondere so kurz vor einem so grossen Jubiläum ist vor allem die Vorfreude auf das Fest zu spüren. «Obwohl wir ein sehr alter und traditionsreicher Verein sind, gehen wir doch immer mit der Zeit. Doch bei uns ist das Gesellige immer mindestens so wichtig wie das Sportliche», sagt Rinaldo Monn. Man habe zudem viele junge Menschen im Verein, die richtig Gas geben würden. Und dies würde sich sicher auch positiv auf die Jubiläums-Festivitäten auswirken – vor allem in Kombination mit der langen Vorbereitungszeit. «Das OK besteht seit mittlerweile zehn Jahren. Erste Diskussionen über das Jubiläumsfest fanden sogar schon vor 15 Jahren statt», sagt Karin Keller. Die Verfasserin der Festchronik weiss aber auch, dass die Verschiebung der Jubiläumsfeier während Corona nicht die erste ihrer Art war: «Schon das 50-Jahr-Jubiläum unseres Vereins wurde verschoben. Damals geschah es jedoch aufgrund 'anderer Verpflichtungen', was bei uns heute undenkbar wäre.»
Ein Fest für die ganze Stadt
Ganz wichtig ist es den Veranstaltern, die Bevölkerung in der Region darüber zu informieren, dass das Fest nicht nur für die Turnerfamilie durchgeführt wird: «An den vier Tagen wollen wir der Bevölkerung etwas zurückgeben. Und dies über alle Generationen hinweg», sagt Karin Keller. Die OK-Verantwortliche für Sicherheit und Verkehr möchte darum auch darauf hinweisen, dass es schon ab Samstag zu Verkehrseinschränkungen beim Obertor kommt. Denn ein 1000-Personen-Zelt und allerlei Drumherum stellt man nicht einfach so mitten in eine Stadt: «Wir hoffen, dass unser Jubiläum wie ein kleines Stadtfest wird, an dem die ganze Bevölkerung teilnimmt. Dann wird man auch Verständnis für kleine Einschränkungen haben.»
Das Jubiläumswochenende startet am Donnerstag, 20. August, fulminant mit dem Konzert der Stubete Gäng. Am Freitag wird dann gemeinsam an der Jubiläumsparty gefeiert, bevor es am Samstag zum Höhepunkt des Fests, der Turngala kommt. An dieser sorgen befreundete Turnvereine aus der Region – aus Affeltrangen, Neukirch an der Thur und Zihlschlacht – zusammen mit den Einheimischen für viel Spektakel. Und beim Verzehr eines Dreigang-Menüs ein paar Sprüchen der Komiker «Messer und Gabel» zuzuhören, wird der Stimmung garantiert keinen Abbruch tun. «Die Turngala ist in den letzten zehn Jahren so etwas wie unser Baby geworden. Ganz bewusst haben wir ein Programm auf die Beine gestellt, dass auch Nicht-Turnern gefallen wird und das das Portemonnaie nicht zu sehr belastet», erklärt Rinaldo Monn. Abgeschlossen wird das Fest dann am Sonntag mit dem offiziellen Festakt, bei dem alle Riegen des Turnvereins Bischofszell nochmals ihr Können unter Beweis stellen.
Es darf also einiges erwartet werden vom 155-Jahr-Jubiläum des fünftältesten Turnvereins des Kantons. Und dass Turnerinnen und Turner nicht nur wissen, wie unterhalten wird und wie wichtige gesellschaftliche Werte gelebt werden, sondern auch, wie man richtig feiert, das weiss jede und jeder, der in seinem Leben schon einmal Teil eines Turnfests war.
www.tvbischofszell-155.ch
Von David A. Giger