Ramon Diem weiss, wie er sein Optimum abrufen kann, und macht darum jeweils im Sommer eine Auszeit vom Volleyball. ⋌dag
22.10.2026 06:54
Mit Vollgas in die neue Saison
Ramon Diem lebt den Traum, den viele Nachwuchstalente im Sport in jungen Jahren hegen: Der 24-Jährige ist Stammspieler bei seinem Jugendverein Volley Amriswil und hat in seiner noch jungen Karriere bereits alles gewonnen, was es in der Schweiz zu gewinnen gibt. Wie sich der Amriswiler auf die gerade gestartete Saison vorbereitet hat, überrascht darum umso mehr.
Amriswil Obwohl Ramon Diem ein Aufgebot für die Nationalmannschaft erhalten hat und die Möglichkeit gehabt hätte, letzten Monat an der EM teilzunehmen, war er nicht Teil des Schweizer Kaders. Und dies nicht etwa wegen einer Verletzung, sondern wegen einer schwierigen Entscheidung, die nicht überall auf Verständnis stiess, aber definitiv von Reife zeugt: «Ich habe gemerkt, dass ich im Sommer jeweils eine Auszeit vom Volleyball brauche. Jetzt bin ich dafür bereit, mit Vollgas in die neue Saison zu starten.»
Ausgeglichen spielt es sich leichter
Für Ramon Diem begann die Vorbereitung auf die anstehende Volleyball-Saison darum mit einer aussergewöhnlichen Reise. Denn anstatt im Nati-Trainingscamp Bälle anzunehmen und zu verteilen, tauchte der Libero von Volley Amriswil in Bali mit Rifffischen und Schildkröten durch das Blau des Meeres.
Ramon Diem hat bei Volley Amriswil eine Bilderbuchkarriere hingelegt und es von der eigenen Akademie bis zum Stammplatz in der ersten Mannschaft geschafft. Und der 24-Jährige, der in Bahnhofsnähe in Amriswil aufgewachsen ist, tat all dies in einer unglaublichen Geschwindigkeit: «Ich habe mit 17 Jahren in meiner ersten Profisaison gleich die Möglichkeit erhalten, mich zu beweisen. Und seither habe ich fast jedes Spiel für Volley Amriswil bestreiten dürfen.»
Und da Ramon Diem nicht nur seit Anfang seiner Profikarriere Verantwortung übernehmen durfte, sondern er mit Volley Amriswil immer auch an der Spitze mitspielen konnte und er mit vielen Titeln verwöhnt wurde, ist die Verwendung des Begriffs «Bilderbuchkarriere» wohl tatsächlich angebracht. Doch ein so steiler Aufstieg bringt auch seine Tücken mit, insbesondere was die Motivation betrifft, verrät Ramon Diem: «Du wächst in Amriswil auf und erlebst, was für Emotionen der Verein auslöst. Und dann erfüllt sich in deiner zweiten Saison mit Meisterschaft und Cupsieg bereits dein grosser Traum.»
Motivationsschub durchs Reisen
Genau darum sei es für ihn heute so wichtig, andernorts noch zusätzliche Motivation zu finden. Und als eine verlässliche Quelle für solche habe sich in den letzten Jahren das Reisen herausgestellt. «Wenn du reist und andere Kulturen entdeckst, dann erweiterst du nicht nur deinen Horizont, sondern lernst auch viele Dinge in der Heimat mehr zu schätzen», sagt Ramon Diem.
Da er ein Sommermensch sei, hätten ihn die Reisen in den letzten Jahren vor allem in tropische Gefilde geführt: «Ich war diesen Sommer bereits das zweite Mal auf Bali und habe das Tauchbrevet gemacht. Darum habe ich jetzt wieder voll Bock, Volleyball zu spielen.»
Obwohl sein Entscheid, nicht mit der Nati an die EM zu reisen, nicht überall auf Verständnis stiess und es wohl auch etwas egoistisch töne, ist Ramon Diem doch überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war: «Ich habe gemerkt, dass mir etwas fehlt, wenn ich das ganze Jahr hindurch nur Volleyball im Kopf habe. Um richtig Vollgas geben zu können, brauche ich einfach den Sommer für andere Dinge.»
Mit dabei bei auf der Reise nach Bali sei nebst zwei anderen Kollegen auch Leandro Diem gewesen, der andere Libero von Volley Amriswil. Denn dieser sei ein Freund von ihm – und nicht mehr, verrät Ramon Diem: «Mal heisst es, wir seien Cousins, mal Brüder in Gerüchten und auch in den Medien. Doch obwohl sich unsere Grosseltern schon kannten, sind wir nicht näher miteinander verwandt.»
Die Freude an Strand und Meer kommt auch nicht von ungefähr, denn schon in Jugendjahren spielte Ramon Diem mit grosser Freude Beachvolleyball. Doch wegen einer komplizierten Knieverletzung mit 15 Jahren, die ihn heute noch nicht schmerzfrei grosse Sprünge machen lässt, spielt er nun «nur» noch Hallenvolleyball: «Und da ich als Libero nicht angreifen und keine Aufschläge machen darf, komme ich ohne grosse Sprünge in meinem Spiel aus.»
Eine Randsportart
Da Volleyball in der Schweiz nicht den gleichen Stellenwert wie die ganz grossen Sportarten hat, sind viele der Topspieler «nur» Halbprofis. So auch Ramon Diem, der nach einer Sportmatur und Zivildienst nun ein Praktikum absolviert: «Zurzeit arbeite ich in einem 60-Prozent-Pensum an der Schule Ermatingen. Ich bin dort sozusagen Mädchen für alles.» Dies lasse sich im Gegensatz zu anderen Jobs sehr gut mit seinen Trainingszeiten kombinieren: «Wir haben jeden Tag um 16 Uhr Training. Und da dies Vorrang hat, ist es nicht so einfach, geeignete Stellen zu finden.» Geplant sei darum auch, bald an der PH eine Lehrerausbildung in Angriff zu nehmen, so dass er seinen ersten Beruf gut mit seinem zweiten kombinieren könne.
Doch nicht nur wegen seiner beruflichen Ausbildung sieht es danach aus, dass Ramon Diem Volley Amriswil noch eine Weile treu bleiben wird. Denn im Gespräch mit ihm wird einem schnell klar, dass die Verbundenheit zu seinem Club weit über die gemeinsam geschriebene Erfolgsgeschichte hinausgeht: «Volley Amriswil ist mein Heimatverein, mein 'safe place'. Darum macht es für mich eigentlich nur Sinn, hier zu bleiben.»
Dass ein Club aus einer kleinen Stadt wie Amriswil die Schweizer Volleyballszene der Herren in den letzten Jahren so stark prägen konnte, ist ohnehin aussergewöhnlich. Ramon Diem glaubt, dass die vor allem an der Strahlkraft des super geführten Vereins liegt: «Wir haben kaum andere grossen Volleyballvereine in der Region. Das bedeutet ein grosses Einzugsgebiet für den Verein und ist auch attraktiv für Sponsoren.» Dennoch erhalte Volleyball nicht die Aufmerksamkeit, wie es der Fussball oder Eishockey tut, meint Ramon Diem: «Es ist eine Randsportart. Wir müssen uns freuen, wenn wir einmal im Fernsehen kommen.»
Doch Volleyball am Fernsehen ist nicht das Gleiche, wie Volleyball im Tellenfeld. Darum ist ein Besuch beim ersten Heimspiel der neuen Saison für den frisch gekürten Supercup-Sieger wärmstens zu empfehlen. Und Ramon Diem verspricht, dass sie am Samstag, 31. Oktober um 17 Uhr dort weitermachen wollen, wo der Double-Gewinner letzte Saison aufgehört hat. Denn obwohl der Provinzverein unglaublich erfolgsverwöhnt war in den letzten Jahren, wird dank einmaliger Vereinskultur und topmotivierten Eigengewächsen wie Ramon Diem die Erfolgsgeschichte garantiert noch um einige Kapitel ergänzt werden.
Von David A. Giger